Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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628 BESPRECHUNGEN.

Vorwurf machen, wenn er sich kürzer gefaßt hätte, auch äußerlich das mystische
Pathos durch freie Rhythmen kundgegeben hätte und den irreführenden Titel
Ästhetik des Lichts ersetzt hätte durch einen ähnlichen, wie Luminaristische oder
pleinairistische Rhapsodien. Denn daß man gerade in der Ästhetik glaubt, so mit
poetischen Gedanken Stimmung machen zu müssen, zeigt, daß es den meisten noch
völlig unklar ist, worin das Wesen der Ästhetik besteht, und Kunst mit Ästhetik
verwechselt wird. Ebenso gut könnte man glauben, daß Verbrecher die besten
Juristen seien.

Berlin-Steglitz. Richard Hamann.

Ernst Oaupp, Die äußeren Formen des menschlichen Körpers in ihrem
allgemeinen Zustandekommen. (13. Heft der Sammlung anatomischer
und physiologischer Vorträge und Aufsätze, herausgegeben von E. Gaupp
und W. Nagel.) Jena, Verlag von Gustav Fischer, 1911. — 8". 57 S. mit
22 Textfiguren.
E. Gaupp ist in kunstwissenschaftlichen und künstlerischen Kreisen durch die
deutsche Bearbeitung des bekannten Grundrisses der Anatomie für Künstler von
Matthias Duval wohl bekannt. Ich habe erst jüngst die dritte vermehrte Auflage
dieses Werkes in unserer Zeitschrift (Bd. IV, S. 606 f.) besprochen und freue mich
nun, die vorliegende Schrift als eine willkommene, wertvolle Ergänzung begrüßen
zu können. Ihre Bedeutung für den Ästhetiker und Kunstwissenschaftler liegt nicht
nur in dem, was sie bietet, sondern vielleicht noch mehr darin, daß sie auf Fragen
zu achten zwingt, die man gemeinhin recht vernachlässigt, und so reiche An-
regungen ausstreut.

Ich darf mir nicht anmaßen an den anatomischen Darlegungen Kritik zu üben
und will daher nur ganz kurz andeuten, welchen Problemen Gaupp hier nachgeht:
er bespricht die gestaltbildende Bedeutung der Baubestandteile unseres Körpers,
die für die Herstellung der Form in erster Linie in Betracht kommen, also vor
allem des Skelettes, der Muskulatur und der Haut mit dem Fett. Mit Recht betont
der Verfasser, daß die Lehre von den äußeren Formen des menschlichen Körpers
eins von den Gebieten ist, auf denen Wissenschaft und Kunst von jeher sich be-
gegneten, ihre Erfahrungen austauschten und sich gegenseitig zu Danke verpflichteten.
»Es ist nichts in der Haut, was nicht im Knochen ist«, sagt Goethe, und damit
ist die große maßgebende Bedeutung des Skelettes für die Formen kurz und scharf
ausgedrückt. Den Skelettbestandteilen kommt bei der Herstellung der Körperformeu
die Aufgabe zu, den weichen Massen eine Stütze zu bieten und die Gesamtform
mit ihren Gliederungen bereits im großen und ganzen, gewissermaßen im Grundriß
anzulegen; das Skelett hat ferner das letzte maßgebende Wort zu sprechen über
die Haltungen der Glieder zueinander, und es beteiligt sich endlich auch an der
Herstellung des feineren Oberflächenreliefs. So bestimmt das Skelett das Allge-
meine, Typische der Tier- und Menschengestalt, zugleich aber auch einen großen
Teil des Besonderen. Denn indem es die Gliederungspunkte des Körpers und
seiner Teile angibt, bestimmt es die Maße des Ganzen und die Proportionen der
einzelnen Abschnitte und wird damit ausschlaggebend für alle die körperlichen Be-
sonderheiten der Lebensalter, Geschlechter, Rassen und Individuen, die in den Pro-
portionen begründet sind.

Das zweite Organsystem, das für die Herstellung der Formen bedeutungsvoll
wird, ist das Muskelsystem, das sind die Fleischmassen, die das Skelett umlagern
und, in einzelne Muskelindividuen gegliedert, an ihm ansetzen und die aktiven Be-
wegungskräfte liefern. Die Bedeutung, die die Muskeln für die Formen des Körpers
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