Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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BESPRECHUNGEN. 629

besitzen, ist eine mehrfache, zum mindesten dreifache: die Muskeln helfen durch
ihre Spannung auch »in der Ruhe« die Haltung der Glieder bedingen, sie stellen
ferner durch ihre Masse in der Hauptsache die definitive Form der Glieder und
ihr Oberflächenrelief her, und sie vermögen endlich auch fonngestaltend auf die
festen Teile, die Knochen, zu wirken.

Durch Skelett und Muskulatur sind die äußeren Formen des Körpers im wesent-
lichen bestimmt, und der Haut mitsamt der unter ihr gelegenen Fettschicht bleibt
nicht mehr allzuviel zu tun übrig. Ihr Einfluß ist wesentlich ein mildernder, glät-
tender; die scharfen Grenzen zwischen den einzelnen Muskelwülsten werden durch
das Fett zu sanften Übergängen verwandelt und können, wenn das Fett besonders
reichlich entwickelt ist, völlig ausgewischt werden. Somit ist die Deutlichkeit des
Muskelreliefs an der Oberfläche des Körpers nicht nur von der Entwicklung der
Muskeln selbst abhängig, sondern sehr wesentlich auch von der Beschaffenheit der
bedeckenden Haut. Alter und Geschlecht, Lebensweise und individuelle Veran-
lagung bedingen in der Menge des Fettes und in der sonstigen Beschaffenheit der
Haut Verschiedenheiten, und damit charakteristische Eigenheiten der Formen.

Wenn diese Untersuchungen für Künstler und Kunstforscher ganz allgemein
von Bedeutung sind, weil sie zu einem verständnisvollen Erfassen der Körperformen
nach ihren typischen und individuellen Bestimmtheiten hin anleiten, so führen sie
unmittelbar ins Reich der Kunst, wo der Verfasser seine Ergebnisse auf einzelne
Kunstwerke anwendet. Er spricht z. B. über das sogenannte »griechische Profil«,
führt die Darlegungen von Wilhelm Henke über »die Menschen des Michelangelo
im Vergleich mit der Antike« näher aus, erörtert, wie die antike Kunst dem
Muskelrelief ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat usw. Wir finden bei
antiken Athletenfiguren häufig die kräftigen Wülste der stark kontrahierten Muskeln
auch da wiedergegeben, »wo sie wohl eigentlich nicht berechtigt, und wo, der
Natur der Sache nach, untätige Muskeln zu erwarten waren«. Mit vollem Recht
schließt Gaupp nicht auf mangelnde anatomische Kenntnisse der betreffenden
Künstler, sondern erklärt diese Abweichungen als ästhetisch gefordert. Und hier
erschließen sich uns nun weitere Möglichkeiten! Wenn auf breiter Materialgrund-
lage und mit möglichster Exaktheit derartige Stilisierungen festgestellt würden, be-
kämen wir einerseits wertvolle Einblicke in das künstlerische Gestalten, anderseits
genaue Aufschlüsse über die Besonderheiten der Naturabweichungen bestimmter
Kunststufen. An zahlreichen Versuchen hierzu fehlt es ja nicht, aber diese Ver-
suche gewinnen erst volle Bedeutung durch streng naturwissenschaftliche Feststel-
lungen. Da eröffnet sich also der Anatomie und der Kunstwissenschaft eine ge-
meinsame Bahn, und die hier erzielten Erfolge kommen auch der Ästhetik zustatten.

Rostock i. M.

Emil Utitz.

Ernst Cohn-Wiener, Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bil-
denden Kunst. Erster Band: Vom Altertum bis zur Gotik; zweiter Band:
Von der Renaissance bis zur Gegenwart. — Verlag von B. G. Teubner in
Leipzig, 1910. — I, VI u. 128 S. mit 57 Textabbildungen; II, 104 S. mit 31 Text-
abbildungen.

Dieses unzweifelhaft bedeutungsvolle Werk wäre wärmstens willkommen zu
heißen, wenn die in ihm dargelegten Grundgedanken eine ausführlichere Erörterung
gefunden hätten und eine reichere Unterstützung durch gutes Abbildungsmaterial.
Die Stellung dieser Büchlein in der bekannten Sammlung »Aus Natur und Geistes-
welt« erheischte möglichste Knappheit und verbot im vorhinein eine genaue Heraus-
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