Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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MAX DERI.

Werk kann durch eine von ihm gelöste, auf den Autor selber oder auf
irgend jemand anderen zurückgehende Urkunde, eine Rechnung, einen
Brief, in denen es sicher erkennbar bezeichnet wird, festgelegt werden.
Innerhalb dieser zweiten Art von Quellen mag der philologische Kunst-
historiker dann wieder sicherere archivalische und unsicherere litera-
rische Überlieferungen unterscheiden. Der Kern dieses ganzen grund-
legenden Arbeitsverfahrens bleibt doch der, daß nicht auf Grund von
»Kennerschaft«, sondern auf Grund von Beglaubigung eine Reihe
nach Ort und Zeit zweifellos sicher bestimmter Objekte festgelegt
werden.

Ist diese Reihe einmal aufgestellt, dann können durch Beschreibung
der Eigenheiten, Beeinflussungen, Zusammenhänge, des Wesentlichen
dieser Landschaft, dieser Stadt, dieser Persönlichkeit die sichersten
Resultate erzielt werden. Die Geschichte der Reihe wird geschrieben.
Die zweite Art kunsthistorischer Arbeit, die die erste zur Vor-
aussetzung hat, doch dann so unentbehrlich ist wie jene, ist eine
kunstpsychologische. Sie wird wegen der Lückenhaftigkeit jeder
historischen Überlieferung notwendig. Ist jene Reihe völlig sicherer
historischer Objekte analysiert und beschrieben, kennt man sie also
in allen ihren Wesenheiten, so geht man daran, die große Zahl von
Werken, die nicht quellenmäßig nach Zeit und Ort belegt sind, also
die undatierten und nicht lokalisierten Kunstwerke, in jene obige, rein
induktiv gefundene Reihe zu interpolieren. Dieser Vorgang ist es,
der uns für unsere Untersuchungen besonders interessiert. Hier handelt
es sich nicht um Beglaubigung, sondern um Kennerschaft, die auf
Grund der Analysen der festen, die Basis der ganzen Wissenschaft
gebenden Werke erworben wird. Daß hier Richtiges und (mit den
Fehlerquellen jeglichen wissenschaftlichen Betriebes) Bündiges geleistet
wird, beweist die große Anzahl von späteren urkundlichen Beglaubi-
gungen, die derartige, auf Grund von Kennerschaft »zugeschriebene«
Werke durch das Auffinden neuer Quellen erfahren haben. Sicher aller-
dings kommen hier mehr Irrtümer vor, als in vielen anderen wissen-
schaftlichen Betrieben. Es wird sich erweisen, daß diese in der Art
des psychischen Prozesses begründet sind, auf dem das ganze Ver-
fahren beruht. Aber sicher auch ist dies Verfahren ein exakt wissen-
schaftliches, wenn es auch bis heute noch zu keiner festen Fassung
der Method e dieser zweiten kunsthistorischen Arbeitsweise, der kunst-
psychologischen, gekommen ist. Hierfür womöglich feste Grundsätze
aufzustellen, ist eines der Ziele dieser Untersuchungen.

Es erhebt sich nämlich die Frage: auf welchem Wege kommt
diese Interpolation historisch unbeglaubigter Kunstwerke, das »Zu-
schreiben« dieser nach Ort und Zeit fraglichen Objekte an historisch
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