Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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Besprechungen.

Rudolf Mühlhausen, Religion und Kunst. 18 S. Leipzig, Johann Ambro-
sius Barth.
Der Verfasser ist ein Leipziger Pastor und die kleine Schrift eine, übrigens
sehr hübsch in großen deutschen Lettern gedruckte Predigt, die sich als Motto
vorsetzt: »Leicht verkümmert die reiche Welt, wo nur der Priester gebietet.« Sie
gibt bekannte Dinge in anregender Form, angenehm noch einmal zu lesen. Wissen-
schaftliche Absichten liegen fern; daß die Worte von einer Kanzel gesprochen
wurden, ist besonders erfreulich daran. Ich zitiere ein paar Stellen: »Die Christen
des 2. und 3. Jahrhunderts würden uns freilich nicht verstanden haben mit solch
einem Thema. Ihnen war Religion alles, Kunst nichts. Vielleicht, daß noch immer
die ernste Weltflucht ihre Blicke abzog vom Zauber irdischer Schönheit und jeden
Genuß sterben ließ unter der Wucht der Jenseitssorgen. Vielleicht. Mehr aber
war es der Abscheu gegen die heidnische Kunst, der ihnen alle Kunst verleiden
mochte. Diese Kunst, belebt von Göttern und Göttinnen, beschattet von des
Olympos sinnenschwülen Wolken, war ihnen sündiger Götzendienst. Und weil
noch auf christlichen Fluren die Blüten der Kunst ihre Kelche verschlossen, blieb
damaliger Zeit die Kunst irreligiös, wurde bekämpft im Namen Gottes.« — Dann
wurde es anders: »Der Glaube selbst ward Form im beseelten Stein, als der
trutzige, unerschütterliche, im gedrängten, markigen romanischen Bau; himmel-
strebend, staubentschwebend im lichten, leichten, jauchzenden gotischen Bogen.« —
»Wo Menschen reden von Gott und Himmel, von Erdenelend und Erdenerlösung,
da versagt des Alltags schwunglos-nüchternes Wort. — Nehmt dem alten Testa-
mente die Poesie, und ihr habt ihm das Herzblatt ausgebrochen. Dürre Daten und
trockene Gesetze bleiben zurück. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn schuf Jesus
eine Dichtung von dramatischer Frische und Kraft. Selbst Paulus, der Denker, der
Theolog, nimmt die Laute zur Hand, die ungewohnte, und singt ein Lied, so warm,
so schön, — unsterblichen Hymnus, der nie verklingen, nie aufhören wird wie die
Liebe, der er gesungen ward.« Burggrafs Schillerpredigten werden zitiert: »Es gibt
keine belebend schaffende Religiosität ohne Vorhandensein einer dichterischen Kraft«
und der Verfasser fährt fort: »Die Schöpfer im Reiche Gottes waren nie die rein
rationalistischen Geister — die haben nur des dichtenden Genius Schöpfung zu
bearbeiten. Das Schaffen selbst ist jenen andern eigen, die mit der hinreißenden
Begeisterung, der dichterischen Schwungkraft ihres Wesens die Brüder entflammen.«
Weiterhin finden wir die schönen Worte: »Warum bietet man nur die Güter der
religiösen Welt freigebig umsonst jedwedem dar und behält die Kunst den Reichen
vor? Haben nicht sie gerade, die im Getöse der Maschinen, beim Stampfen der
Räder, im Staube der Werkstatt ihr Brot verdienen, haben nicht sie gerade die
Feierstunden nötig, in denen ihre Seele gesund sich badet im reinen Äther der
Schönheit? Ich meine, uns trägt schon die Arbeit des Berufes und so manch glück-
lich Erlebnis aus der drückenden Erdenschwüle empor.« Man braucht noch lange
nicht an die Parole »Die Kunst für Alle« zu glauben, die ganze Kunst wird nie für
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