Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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XII.

Über Einfühlung.

Von
August Döring.

In einem früheren Aufsatze in dieser Zeitschrift (Bd. IV, Heft 3)
»Über die Methode der Ästhetik« habe ich auf die Unzulänglichkeiten
der experimentellen Methode, der »Ästhetik von unten« hingewiesen.
Aber auch die »Ästhetik von oben«, die zunächst und vor allem auf
die Gewinnung eines einheitlichen Prinzips des Schönen ausgeht,
kann nur dann überzeugend wirken, wenn dies einheitliche Prinzip
nicht deduktiv aus metaphysischen Voraussetzungen gewonnen oder
in der Form der geistreichen Reflexion aus dem Ärmel geschüttelt
wird. Es bedurfte daher, um sie aufrecht erhalten zu können, für die
Gewinnung dieses einheitlichen Prinzips einer durchaus zwingenden
und nachprüfbaren Methode. Das Charakteristische der in jenem
Aufsatze entwickelten Methode besteht im allgemeinen darin, daß die
einzelnen aufgestellten Punkte ein System sich gegenseitig stützender
und so ein haltbares Ganzes bildender Sätze darstellten. Ausgehend
von einigen am meisten einleuchtenden Sätzen (»die ästhetische Lust
real, nicht sinnlich, sondern seelisch, nicht aus dem Angenehmen oder
Nützlichen entspringend, sondern interesselos«) wurde das Prinzip selbst
zunächst hypothetisch in der Weise gewonnen, daß die ästhetische
Lust als seelische Funktionslust, näher als Lust nicht aus aktiver
Funktion (Betätigung), sondern aus passiv durch Affiziertwerden
entspringender Funktion (Erregung) bestimmt wurde. Die ästhe-
tische Lust ist Sollizitationslust. Die letzte Einschränkung des
Umfangs wurde dem Prinzip dann durch die Bestimmung, daß die
seelische Erregung nicht durch begrifflich Allgemeines, sondern durch
anschaulich Einzelnes stattfindet. Die Bildung der Hypothese stellte
sich so als eine durch fortschreitende Hinzufügung inhaltlicher Bestim-
mungen fortschreitende Verengerung des Umfangs dar. Und zwar
in folgenden fünf Stufen: Die ästhetische Lust ist 1. reale Lust,
2. seelische Lust, 3. Funktionslust, 4. Lust aus Erregung, 5. Lust aus
dem anschaulich Einzelnen.

In die Form einer geschlossenen Definition gebracht, erhielt die
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