Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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ÜBER EINFÜHLUNG. 559

Hypothese folgende Gestalt: das Schöne (denn ich kann ebenso-
wohl vom Objekt, wie vom genießenden Subjekt ausgehen) ist das-
jenige lediglich durch Auslösung seelischer Funktionen
reale Lust Bewirkende, bei dem diese ausgelösten seeli-
schen Funktionen nicht Betätigungen, sondern Erregungen
sind und zwar Erregungen nicht durch ein begrifflich
Allgemeines, sondern durch ein Einzelnes, Angeschautes.

Diese hypothetisch gewonnene Bestimmung des Prinzips bedurfte
sodann der Verifikation durch den Nachweis, daß alles tatsächlich
vorkommende Schöne die hier bezeichneten Bestimmungen oder Merk-
male zeigt, daß der Umfang des tatsächlich vorkommenden Schönen
dem dieser Begriffsbestimmung äquipollent ist. Dieser verifikatorische
Beweis war teils unmittelbar, teils mittelbar zu führen. Unmittel-
bar, indem gezeigt wurde, daß Vorstehendes für die Kategorie des
Schönen zutrifft, mittelbar, indem die Gesamtheit des tatsächlich
vorkommenden Schönen, die beiden großen Gruppen des Schönen
der Wirklichkeit und der Kunst sich wiederum völlig den aus dem
Prinzip abgeleiteten Kategorien unterordnen. In dieser Weise zeigt
sich die gesamte Ästhetik restlos von der Methode getragen und
durchdrungen, und alle Teile des Systems tragen, stützen, bestätigen
sich gegenseitig.

Ich habe die sich bietende Gelegenheit, das im vorerwähnten Auf-
satze Entwickelte in übersichtlicher Kürze, aber zugleich in einzelnen
Punkten schärfer und präziser ausgezogen in Erinnerung zu bringen,
gern benutzt. Diese Gelegenheit selbst besteht aber darin, daß sich
dem hier summarisch formulierten einheitlichen Prinzip des Schönen
in der Ästhetik von Lipps ein anderes Prinzip mit der Prätension
gegenüberstellt, seinerseits die Gesamtheit der ästhetischen Erschei-
nungen von sich aus einheitlich und vollständig erklären und ableiten
zu können.

Dies ist das Prinzip der »Einfühlung«.

Dasselbe tritt nicht erstmalig bei Lipps auf; es erhält nur bei Lipps
eine besondere Fassung und Zuspitzung und wird in dieser Fassung
eben für das alleinige und einheitliche Prinzip aller ästhetischen Wir-
kungen ausgegeben.

Es soll nun nicht nur dieser letzte Punkt einer Prüfung unter-
zogen werden. Auch der ästhetische Terminus »Einfühlung« über-
haupt bedarf der näheren Besichtigung, und zwar in doppelter
Richtung, einesteils in dem älteren, allgemeinen, man könnte sagen
harmlosen Sinne, andernteils aber in der eigenartigen Zuspitzung, die
ihm bei Lipps zuteil geworden ist. So ergibt sich eine Dreiteilung
unseres Themas: 1. der Terminus »Einfühlung« im allgemeinen, 2. der-
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