Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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Bemerkungen.

Zur Ästhetik der Abstraktion.

Von

Hugo Marcus.

Ferne und Perspektive, Dämmerung, Schattenriß und Augenblinzeln, diese
optischen Verhaltungsweisen verleihen den Dingen, die unter ihren Einfluß geraten,
einen eigentümlichen Reiz, wie ihn die Nähe und Helle nicht hat. Wie kommt
das? Die Ferne verkleinert die Dinge perspektivisch, die Dämmerung verdunkelt
sie. Beides erwirkt, daß die Details schwinden, und damit treten zugleich not-
wendig auch die großen und charakteristischen Züge um so stärker und ungestörter
heraus. Die Dinge erhalten in sich Ungeteiltheit durch Details, das ist Größe, und
Ungestörtheit durch Details, das ist Abrundung, ja Schönheit. Ebenso werden sie
einfacher, also rascher faßlich, eindrucksvoller und beim Verlust so vieler kleiner
Erinnerungszeichen vieldeutiger; endlich aber auch durch die Veränderung fremder
und also assoziationskräftiger.

Begriff, Idee, Ideal; Phantasie, Traum, Hoffnung; Erinnerung, Geschichte
Einzelwort, Schlagwort und Titel, Dichtung, Kunst: diese von den höheren seeli-
schen Funktionen geübten Tätigkeiten und von ihnen geschaffenen Bildungen ver-
leihen den Dingen, die unter ihre Macht geraten, einen eigentümlichen Reiz, wie
ihn das Konkret-Greifbar-Sinnliche, unmittelbar Gegenwärtige, das unstilisierte Leben
zumeist nicht hat. Wie kommt das? Begriff, Idee, Erinnerung, Geschichte, Dich-
tung, Kunst tilgen von den Dingen ein Merkmal nach dem anderen, zuvörderst die
zufälligen Einzelheiten; und die verbleibenden Hauptzüge gewinnen Ungeteiltheit,
also Größe, Ungestörtheit, also Schönheit, eindrucksvolle Leichtfaßlichkeit, geheim-
nisstarke Vieldeutigkeit und reiche Assoziationskraft.

Demnach wären die beiden Verfahrungsweisen also dieselben: das Verfahren
der Sinnlichkeit, insbesondere das des reichsten Sinnes (des Auges) bei der per-
spektivischen Ferne und in der Dämmerung, bei Schattenriß und Augenblinzeln, —
und das Verfahren der höheren geistigen Funktionen in Begriffs- und Ideenbildung,
Erinnerung, Dichtung, Kunst. Beide bestünden nämlich in der Tilgung von immer
mehr Einzelheiten. Dies aber macht das recht verstandene Wesen der Abstraktion
aus. Abstraktion pflegt man gemeinhin nur den höheren geistigen Funktionen zu-
zuschreiben. Nun sehen wir, daß es auch eine sinnliche, eine optisch-perspek-
tivische Abstraktion, ja, es ließe sich geradezu sagen, eine sinnlich-optische Logik
und Dialektik gibt. Die geistigen Funktionen der Begriffsbildung, Erinnerung,
Dichtung, Kunst aber könnten wir, den Sachverhalt umkehrend, nun ebensogut
auch als Faktoren einer geistigen Perspektive und Optik ansprechen.

Die Übereinstimmung hier und dort wird nur noch deutlicher, wenn wir dann
weiter erkennen, wie beide Gebiete doch auch die gleichen Nachteile ihrer Vor-
züge haben. Feme und Dämmer nicht anders als Begriff und Idee sind vergleichs-
weise blaß gegenüber dem detaillierten Leben, schemenhaft, leicht erschöpft und

Zeitsclir. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. VII. 9
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