Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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Besprechungen.

Die Philosophie des Als Ob. System der theoretischen, praktischen und
religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivis-
mus. Mit einem Anhang über Kant und Nietzsche. Herausgegeben von
H. Vaihingen Berlin, Reuther u. Reichard, 1911. 804 S.

Das vorliegende umfangreiche Werk ist für diejenigen Leser dieser Zeitschrift,
die Anhänger der Langeschen »Illusionstheorie« sind oder in ihren ästhetischen
Grundanschauungen dieser Auffassung vom Wesen der Kunst nahe stehen, von
Interesse. Denn in ihm wird dargelegt, daß erstens Fiktionen als bewußt-falsche
Annahmen in allen Wissenschaften anerkanntermaßen vorkommen, aber in einem
Umfange, wie man sich dessen bisher kaum bewußt geworden ist, und daß sich
zweitens jene Reihe der anerkannten Fiktionen noch dadurch außerordentlich er-
weitern läßt, daß zahlreiche, ja endlich alle Begriffe mit jenen das eine Charakte-
ristikum gemein haben: ein Produkt unserer Imagination zu sein und zwar ein
solches, das zwar irgendwie, wenn nicht direkt, so indirekt, die Wirklichkeit im
Auge hat, sie aber nie wahrheitsgemäß abzubilden vermag. Und daraus folgt,
daß nicht nur drittens jede Wissenschaft und jede einzelne wissenschaftliche Be-
hauptung der »Fiktionen« gar nicht entraten kann, sondern sogar gezwungen ist,
viertens sich völlig in solchen Fiktionen zu bewegen.

Und das Analoge folgt aus der Langeschen Auffassung vom Wesen der Kunst:
auch die ästhetische Geisteshaltung hat es durchgehends zu tun mit Produkten der
Imagination, die die Wirklichkeit zwar, direkt oder indirekt, irgendwie im Auge
haben (derart, daß die Auffassung zwischen den beiden »Vorstellungsreihen«
— »Natur« und »Kunst« — unaufhörlich hin- und herpendeln kann), sie aber nie
wahrheitsgetreu abbilden.

So findet der Ästhetiker also in den genannten Darlegungen der »Philosophie
des Als Ob« eine sehr beachtenswerte, ja unentbehrliche Ergänzung der Langeschen
Darlegungen: wie in den Künsten so äußert sich auch in den Wissenschaften
gleicherweise eine produktive Fähigkeit des Menschen im Sinne der Bildung von
Fiktionen. — Zugleich ist aber auch klar, daß die beiden Verfasser mit diesen, so
gefaßten Bestimmungen — mit diesen Begriffen der Fiktion beziehungsweise Illu-
sion — die charakteristischen unterscheidenden Merkmale der beiden Kulturrich-
tungen noch nicht getroffen haben. Die Langesche Theorie scheint also durch dieses
Werk eine Verschiebung ihres Schwerpunktes zu erfahren. Und wenn dieser nicht
mehr in dem Moment der »Illusion« zu erblicken ist, so anscheinend in dem der
»Lust«, die aus dieser Illusion hervorgehen soll. Wenn indessen die Fiktionen im
wissenschaftlichen Gebrauch diesen Illusionen wesensverwandt sein sollen, so
müßten auch diese eine analoge Lust hervorrufen. Und die Tatsache, daß auch
die wissenschaftliche Tätigkeit — was von der »Ph. d. A. O.« nicht genügend be-
achtet ist — um ihres Lustcharakters willen zum Selbstzweck werden kann, scheint
darauf hinzuweisen, daß in der Tat auch dieses Moment nicht ohne weiteres als
Charakteristikum zu verwenden ist.
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