Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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III.
Die Künstlerpsychologie im Altertum.

Ein Beitrag zur Geschichte der Ästhetik.

Von

Wilhelm Börner.

I. Die mythologischen Erklärungsversuche.

l.

»Im Anfang war die Tat«: dieses Wort könnte an die Spitze jeder
Geschichte geisteswissenschaftlicher Theorien gestellt werden. Freilich
nicht in jener kosmologischen Bedeutung, in der es Faust gelegentlich
der Evangeliumübersetzung versteht, sondern in dem Sinne, daß die
Objektivierung des Geistes, der das Material der Wissenschaft bilden
soll — sei es in Worten, sei es in Handlungen — also die »Tat«
im weitesten Sinne erfolgt sein mußte, ehe eine Theorie entstehen
konnte. So sind die Formen des menschlichen Gemeinschaftslebens
älter als Politik und Soziologie; moralische Praxis wurde geübt, lange
bevor es eine Ethik gab; die Pädagogik ist jünger als Erziehung und
Unterricht, und praktische Kunstübung, und ästhetisches Genießen
gehen der Ästhetik weit voraus.

Diese Erscheinung ist im Wesen der Wissenschaft begründet. Die
Wissenschaft verdankt ihre Existenz — gleichviel ob bewußt oder
unbewußt — zwei psychischen Quellen: einerseits dem Triebe nach
kausaler Auffassung alles Geschehens, anderseits dem Bedürfnisse,
das chaotische Sein und Geschehen zu ordnen, zu vereinfachen und
ökonomisch zu begreifen, um es geistig erobern und beherrschen
zu können. Aber erst die Vielheit, die Mannigfaltigkeit und die
Kompliziertheit der sich darbietenden »Taten« konnte diese tief in der
Menschennatur begründeten Bedürfnisse auslösen.

Es kann daher keine Theorie über den Künstler gegeben haben,
bevor nicht künstlerische Tätigkeit geübt worden, in ihrer Eigentüm-
lichkeit dem Menschen zum Bewußtsein gekommen war und seine
Aufmerksamkeit gefesselt hatte; kurz, bevor nicht der Künstler als
solcher sozusagen zum »Problem« geworden war.

Wann dies eingetreten ist, läßt sich natürlich nicht bestimmen, da
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