Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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DIE KÜNSTLERPSYCHOLOGIE IM ALTERTUM. 83

die phylogenetischen Anfänge der Kunst — wie die Anfänge aller
Kulturmanifestationen — in tiefem Dunkel liegen. Sehr wertvollen
ethnographischen Untersuchungen zufolge — deren Ergebnisse zwar
keineswegs in allen Punkten übereinstimmen, die in bezug auf das
hier in Betracht kommende Moment aber zu dem gleichen Schlüsse
gelangen — ist die Kunst ihrem Ursprünge nach eine soziale Funk-
tion, die sich erst im Laufe der Menschheitsentwicklung in eine indi-
viduelle Tätigkeit umwandelte.

Bücher sucht noch in der 2. Auflage seines verdienstvollen Werkes
»Arbeit und Rhythmus«l) den Nachweis zu erbringen, daß »wir in
den gemeinsamen Arbeitsgesängen den Niederschlag des ältesten und
ursprünglichsten poetischen Schaffens der Völker zu erblicken« haben.
In der jüngsten Auflage nimmt er allerdings einen individualistischeren
Standpunkt ein2). Wallaschek3) erblickt im Taktgefühl den Ursprung
der Musik und antwortet auf die Frage, was den Menschen zu takt-
mäßiger Auffassung und Ausführung zwingt, folgendes: »Die Gemein-
samkeit der Aktion, die den einzelnen veranlaßt, seine Bewegung in
Einklang mit der seines Nachbarn zu bringen.« »In diesem Sinne«
— heißt es weiter — »kann Musik eine soziale Funktion genannt
werden, die Kunst, mit anderen in Gemeinschaft zu handeln.« Das
Ansprechende dieser Hypothese liegt darin, daß sich nach ihr die
Kunst analog den anderen Kulturäußerungen verhalten würde. Denn
auf allen Gebieten bedeutet der kulturelle Fortschritt keinen synthe-
tischen Vorgang, sondern einen Differenzierungsprozeß: das Soziale
ist das Primäre, das Individuelle das Sekundäre.

Freilich lassen sich auch gewichtige Gründe gegen diese Hypo-
these ins Feld führen. Als direkter Gegner dieser Auffassung ist
M. Hörnes anzusehen, der ausdrücklich erklärt4): »Wir dürfen den
Menschen nicht ausschließlich als Volksbestandteil auffassen. Ehe die
Kunst ... dem Menschen sozialen Nutzen gewährte, muß sie ihm rein
individuellen, persönlichen Nutzen gewährt haben.« Wundt steht dieser
Ansicht gleichfalls nicht fern8). Ohne die sozialen Faktoren in der
Kunst zu unterschätzen, vertritt auch Groos eine vorwiegend indivi-
dualistische Auffassung bezüglich ihres Ursprunges 6), Sicher ist, daß,

') Leipzig 1899, S. 339.

2) 4. Aufl., 1909, S. 361 ff.

•') Anfänge der Tonkunst, Leipzig 1903, S. 270 f.

4) Urgeschichte der bildenden Kunst in Europa von den Anfängen bis um 500
v. Chr., Wien 1898, S. 11.

6) Völkerpsychologie II. Bd., 1. Teil, Leipzig 1905, S. 98, 305 f., 319 f., und neuer-
dings Völkerpsychologie III. Bd., Leipzig 1908, 1. Kapitel.

°) Die Spiele der Tiere, 2. Aufl., Jena 1907, S. 319 f.; Die Spiele der Menschen,
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