Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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KUNSTPSYCHOLOGISCHE UNTERSUCHUNGEN. 265

lebte, der ihm an Leidenschaft und Tiefe ebenbürtig oder überlegen
war; daß zu Bachs Zeiten keiner lebte, der Gott, die Menschen und die
Natur genau so tief und reich oder noch tiefer und reicher liebte und
verstand als er; daß zu Mörikes Zeiten kein anderer ein so tiefer
Lyriker war neben ihm; daß keiner wie Rembrandt die Bibel und die
Landschaft sah. Und so in allen Fällen. Hunderte leben heute, die das
Dasein ebenso tief erleben, empfinden und seelisch verarbeiten, wie
unsere Dichter, Maler, Musiker. Und wenn ihnen die Fähigkeit fehlt,
einmal überhaupt diese inneren Erlebnisse in objektiv haltbare Formen
zu fassen, dann für ihre besondere Erlebensweise aus den mit den
Tagträumen, dem Sprechen und den Gesten verwehten auch dauernde
Phantasien und Symbole zu schaffen, so tut das ihrer tiefen oder
großen Menschlichkeit keinerlei Abbruch. Wir nennen sie nicht »Künst-
ler«, weil ihnen eben diese Fähigkeit des Fixierens ihrer inneren Er-
lebnisse fehlt. Aber nichts als dies hat der große Künstler vor dem
großen Menschen voraus.

Diese Ansicht mag ketzerisch oder banal klingen. Wir fanden aber
bei eingehendster Analyse im vollen Umkreise alles Künstlerischen
nichts, was auf irgendein metaphysisches Element notwendig hätte
bezogen werden müssen.
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