Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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DIE HOMERISCHEN GLEICHNISSE. 267

aus dem Tierleben, und zwar dem Leben der wilden Tiere und der
Jagd auf sie, oder elementare Naturvorgänge (Sturm, Feuer, Über-
schwemmung). Äußere menschliche Handlungen werden also ver-
glichen mit Verhältnissen der den Menschen umgebenden sichtbaren
Welt: von geistigen Vorgängen etwa, die »versinnlicht« werden sollten,
ist keine Rede; anderseits ist das Gebiet der Natura), aus dem die Bilder
genommen werden, beschränkt, die Pflanzenwelt spielt kaum eine Rolle.
Natürlich ist für die Auswahl mitbestimmend der Grund, daß über-
wiegend Kampfszenen die verglichenen Gegenstände sind; aber daß
die Gleichnisse gerade dabei in solcher Menge auftreten und einen
derartigen Charakter besitzen, beweist, daß der Geist des Dichters an
jenen bestimmten Gebieten der Natur das größte Interesse hatte. Die
Beziehungen zu den Tieren und den elementaren Naturvorgängen liegen
für den Menschen ihrer praktischen Bedeutsamkeit wegen am nächsten,
sie sind für die Sinne am leichtesten wahrnehmbar und werden so
auch ein geeignetes Material der Phantasie. Besonders gern wird der
kämpfende Held mit dem kühnen, raubenden Löwen verglichen. Aga-
memnon tötet zwei Troer und beraubt sie der Rüstung wie ein Löwe,
welcher der Hirschkuh die Jungen raubt, ohne daß sie es hindern
kann; die fliehende Hirschkuh deutet dabei auf das Verhalten der
übrigen Troer (V. 113 ff.). V. 172 ff. verfolgt Agamemnon die Troer,
wie ein Löwe fliehende Rinder. V. 548 ff. schildert ein Gleichnis, wie
der Löwe durch Hunde und Männer von dem Rindergehege verscheucht
wird; der Löwe ist hier Aias, der zwei Verse vorher kurz einem wil-
den Tiere verglichen wurde. V. 474 ff. drängen sich die Troer um
Odysseus, wie Schakale um einen geschossenen Hirsch, aber der Löwe,
d. i. Aias, kommt und verjagt sie. Weiter vorher hieß es von den
Troern, sie stürmten um Odysseus heran wie Jagdhunde auf einen
Eber (V. 414 ff.), und ganz ähnlich waren V. 324 ff. Odysseus und
Diomedes mit zwei Ebern verglichen worden, die sich auf die Hunde
stürzen. Hektor ist V. 292 ff. der Jäger, der die Hunde auf einen Eber
oder Löwen hetzt. Man kann diese drei letzten Gleichnisse recht gut
zusammennehmen, sie geben ein einheitliches fortlaufendes Bild. Ein
humoristisches Gleichnis steht V. 558: wie Kinder auf einen störrischen
Esel erfolglos schlagen, so umschwirren die Troer Aias, ohne ihn ver-
treiben zu können. Das nutzlose Bemühen und das starre Standhalten
wird hier wohl mit Absicht drastisch dargestellt; der Dichter gewährt
eine kleine Erholung inmitten der ernsten Kampfszenen, indem er einen
komischen Zug in der Situation entdeckt. — Folgende Gleichnisse

') Vgl. meinen Aufsatz »Naturgleichnisse und Naturschilderungen bei Homer«
(Zeitschr. f. angewandte Psych. 1912, H. 2).
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