Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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BESPRECHUNGEN. 323

fassung. »Die Welt des Komischen steht zur Lebensstimmung, Lebensauffassung,
Weltanschauung in nahem Verhältnis. Je mehr an menschlichem Gehalt in den
komischen Konflikt hineingearbeitet ist, um so reicher und tiefer kann sich darin
Lebensanschauung aussprechen« (S. 483). Vielleicht etwas zu lang verweilt Volkelt
beim Witz. In dem Zusammenhang des Buches, der von den Grundgestalten spricht,
und in dem bisher nicht von den Formen ihrer künstlerischen oder quasi-künstlerischen
Verkörperung die Rede war, fällt die ausführliche Besprechung des Witzes etwas
aus dem Rahmen. Für den Witz ist charakteristisch die Art und Weise, wie die
Vorstellungen zusammengebracht werden, um die komische Selbstauflösung hervor-
treten zu lassen. Das geschieht in dem Medium der Sprache. »Indem das Subjekt
mit seinen Vorstellungen spielt und dieses sein Spiel in sprachlicher Fassung bringt,
läßt es in dem Medium der Vorstellungen eine komische Selbstauflösung entspringen
und nötigt den Zuhörer dieselbe komische Selbstauflösung in sich entstehen zu
lassen« (S. 473). Es entsteht so ein Doppelspiel zwischen einem unmittelbaren und
einem versteckten Sinn; es taucht eine passende und eine nichtpassende Vorstel-
lungsreihe auf, und zwar derart, daß die passende eine gewohnte, normale — die
mchtpassende aber eine ungewohnte Vorstellungsreihe ist.

Nach anderer Richtung steht »der Humor« wiederum nicht ganz in der Reihe
der ästhetischen Grundgestalten. Volkelt betont freilich die Sonderstellung des
Humors ausdrücklich: »Für den Humor ist die Bewußtseinshaltung der Weltbetrach-
tung entscheidend, und ist so der einzige ästhetische Typus, der seiner Natur nach
eme Richtung auf Erkennen und Betrachten in sich schließt« (S. 534). Er vollbringt
die höchste Leistung der subjektiven Komik, »die Willkür der komischen Vorstellungs-
verbindungen mit tiefen Blicken in die Zusammenhänge der Wirklichkeit zu ver-
einigen, in die spielenden komischen Beleuchtungen zugleich gehaltvolle Welt-
betrachtung einfliessen zu lassen« (S. 530). Schon aus diesen Ausführungen ersieht
man, daß Volkelt den Humor als eine Gestaltung der subjektiven Komik, wenn
auch als die reichste, tiefste, verwickeltste Gestaltung der Komik ansieht. Der Re-
ferent ist eher der Ansicht, daß mit Lipps Komik und Humor zu trennen sind, oder
vielmehr, daß eine »komische« Weltbetrachtung einer humoristischen entgegen-
zusetzen ist, von denen die letztere die Komik nur als ein Mittel unter anderen be-
nutzt. Aber auch von diesem Standpunkt aus kann man sich mit vielem, was
Volkelt über Laune, Scherz und Spott, über die Abarten des Humors, und über die
Beziehung des Humors zur Welt sagt, vollkommen einverstanden erklären. Es ist
indessen fraglich, ob der Humor wirklich die einzige Art ästhetischer »Weltbetrach-
"ng« ist. Es ist vielleicht nur die einzige, die die Sprache ausdrücklich bezeichnet,
aber es wäre eine Aufgabe, die ganz in der Richtung der von Volkelt begonnenen Ana-
yse läge, noch andere solche Arten ästhetischer Weltbetrachtung herauszusondern.

Das Referat mußte sich an vielen Stellen einfach mit Aufzählungen begnügen,
wo die Detailforschungen selbst eine ausführlichere Besprechung verdient hätten,
um so mehr, da an vielen Stellen vor allem der Widerspruch gegen grundlegende Be-
stimmungen Volkelts betont werden mußte. Volkelts Buch gleicht darin einem
oaum mit einer reichen und weitverzweigten Krone, von dem man kein rechtes
BUd gewinnt, wenn man nur weiß, wie die Hauptäste laufen: gerade der Reichtum
an Einzelverzweigungen macht seinen Hauptwert aus.

Man darf begierig sein, wie nach dem ersten prinzipiellen und dem zweiten
analysierenden Band nun der dritte aufbauende sich gestalten wird. Denn gerade
°as Thema dieses dritten Bandes, die Kunst, hat von jeher der psychologischen
Ästhetik besondere Schwierigkeiten bereitet.

München. Moritz Geiger.
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