Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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BESPRECHUNGEN. 325

hältnis zwischen Leben und Form nicht die Harmonie, sondern die Sehnsucht; er
geht einen Weg, der niemals ans Ziel gelangt, und sein Erlebnis wird durch das
Leben anderer zur Form.

Bei Kierkegaard (»Das Zerschellen der Form am Leben«) wird das Verhältnis
zu einem Auseinander. Er will Eindeutigkeit und Einheit, »Form schaffen aus dem
Leben«, kehrt das Verhältnis um, damit die Form lebensschaffend, lebenssteigernd
werde, aber er erreicht nur die starre Geste. Die fehlende Harmonie zwischen
beiden will er dadurch erzielen, daß er das Leben in seiner absoluten, problem-
losen oder jenseits von allen Problemen gehobenen Form zu durchleben trachtet,
um die homogene Gestaltung aus dem Gebiete der Kunst hier herüber zu retten.
Seine Tragödie wurde, daß er leben wollte, »was man nicht leben kann«. — Die
Romantiker strebten auch danach, die Dichtung zum Leben zu gestalten, und dadurch
verloren sie das Leben. Sie wollten die Grenzen verwischen, und »die Grenzen
werden für sie weder Tragödie, wie für jene, die das Leben zu Ende leben, noch
Wege zu einem wahrhaften, echten Werk, dessen Größe und Stärke eben im Aus-
einanderhalten des Heterogenen und im Schaffen einer neuen, von der Wirklich-
keit endgültig losgerissenen, in sich einheitlichen Schichtung der Welt besteht«.
Novalis als einziger erreicht von ihnen eine Harmonie, für ihn allein wurde die
uefahr kein Zusammenbruch, nur er schöpfte Bereicherung daraus (»Zur roman-
tischen Lebensphilosophie«).

Was die Romantik wollte, nämlich das Leben nicht nur für das subjektive Ein-
zelne durch die Kunst formen — das erreicht die bürgerliche Poesie. Bürgerlich-
keit bedeutet schon Gemeinschaft, das Sich-einfügen des Einzelnen, die Unterord-
nung des Individuellen, doch dadurch auch zugleich Armut an Kunstsinn. Soll die
Kunst in der Bürgerlichkeit mit dem Leben in Harmonie sein, muß eine Begrenzt-
heit entstehen, die Leben und Kunst ärmer macht. Es kommt die Formung zu-
stande durch ein Verzichten auf alles Dichterische im Leben, um die Schönheit im
Werk zu retten, durch eine einseitige Lösung der tragischen Frage des Verhält-
nisses zwischen Kunst und Leben, wodurch das Leben nicht verneint wird und die
Kunst auch hier seine Äußerungsform bleibt; sie wird nur eben beschränkter, pflicht-
gemäßer, handwerksmäßiger (»Bürgerlichkeit und Part pour ParU).

Die Verhältnisse werden im weiteren verwickelter zwischen Seelen und Formen,
und dadurch erfährt die Frage eine gewisse Steigerung. Die seelische Einsamkeit
und ihre Formung mit Stephan George; die Vertiefung und Verfeinerung der Lyrik,
ie trotz ihrer so zart abgeschatteten Gefühle in der strengsten Form erscheint. —
jJebe und Sehnsucht und ihre Form die Idylle, die epische Lyrik (Charles Louis
hihppe). — Ästhetentum und Impressionismus erlöst durch die Form, die Zufällig-
st, die zur Notwendigkeit geformt ist (Richard Beer-Hofmann). — Von Reichtum,
aos und Form ein Dialog zwischen den Impressionisten und Klassizisten (Law-
rence Sterne).

Das Problem schwillt an, schillert in allen Farben, wird von den mannigfaltigsten
feiten beleuchtet, bis es in der Metaphysik der Tragödie (Paul Ernst) endgültige
tinheit, eine Transzendenz gewinnt, wo Form und Leben nicht nur Verhältnis,
Harmonie oder Auseinander bedeutet, sondern wo sie Sein wird. Wie ein Werde-
gang erscheinen die Formen bis zur höchsten Erfüllung in der Tragödie, wo die
P>rm wirklich als das Apriorische auch erscheint und das Leben ihrer strengen
Gesetzmäßigkeit gegenüber, mit seiner Zufälligkeit, Anarchie, Ungewißheit, Viel-
deutigkeit versinkt, nur zur »bloßen Allegorie« der eigenen Idee wird. Die for-
mende Sehnsucht wird hier zum metaphysischen Grund der Tragödie: »die Sehn-
sucht des Menschen nach seiner Selbstheit«. Die Form der Kunst und die Form
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