Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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BESPRECHUNGEN.

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verweist speziell auf die bekannten Äußerungen Schillers in seinem Briefe an Goethe.
Aber die Studie Dr. Bergs gewinnt ein besonderes Interesse durch den reichen
Schatz von neuen Belegen für diese allgemeine Regel.

Eine typische Stilstudie ist der Aufsatz »Epitheton ornans bei Vital is«,
worin der Verfasser durch eine Klassifikation der Attribute in der Dichtung des
Vitalis (Erik Sjöberg) nach den betreffenden Sinnesgebieten eine treffende Cha-
rakteristik der poetischen Individualität des Dichters gibt. Dieselbe psychologisch-
philologische Methode kommt zur Anwendung auch in dem folgenden Aufsatz, der
die piece de resistance des ganzen Buches ist, nämlich in dem Aufsatz »Sinnes-
analogien bei Almqvist«. Besonders wegen dieses Aufsatzes möchte man
das Werk Bergs allen eindringlich anempfehlen, die Schwedisch verstehen. Karl
Jonas Love Almqvist (1793—1866) ist außerhalb des skandinavischen Nordens allzu
unbekannt geblieben, obgleich er nicht allein eine der genialsten Persönlichkeiten
der schwedischen Literatur ist, sondern auch seiner Zeit so viel voran steht, daß
Ellen Key ihn den modernsten Schriftsteller Schwedens hat nennen können. Es
ist eine schwere Versäumnis der schwedischen Literatlirforschung, daß sein Werk
noch nicht zum Gegenstand einer allseitigen und wahrhaft gerechten Würdigung
geworden ist; es ist aber bekannt, daß Dr. Berg sich mit einer größeren Mono-
graphie über ihn beschäftigt. In seinen »Schwedischen Studien« hat der Verfasser
nur eine Seite vom Wesen Almqvists beachtet, nämlich sein hochentwickeltes Ver-
mögen der »audiüon coloree«. Für ihn waren nicht nur die Laute mit Eindruck
von Farbe verbunden, sondern er läßt sogar eine von seinen fingierten Personen
äußern, »daß jedes Ereignis im Menschenleben seine eigene Farbe habe«. Deshalb
träumte er auch — wie stark wird man nicht dabei an die Experimente der letzten
Jahrzehnte erinnert — von einem Theater, in dem die Personen sich nach ge-
dämpfter Musik hinter Vorhängen bewegen würden, deren Farbe durch den Cha-
rakter der dramatischen Handlung bestimmt sein sollte. Seinen eigenen Phantasie-
gestalten gab ihre Farbe ein Schleier, der zwischen ihm und der Wirklichkeit
ausgebreitet war. Und er charakterisiert, wie Dr. Berg es durch seine reiche Samm-
Il'ng von Beispielen zeigt, seine Personen mit Hilfe von Farbenbestimmungen.
Sogar Eigenschaften und abstrakte Begriffe erscheinen ihm in einem farbigen Licht.
Und wenn somit ideelle Vorstellungen in seiner Seele visuelle Anschaulichkeit ge-
winnen konnten, so konnten sie auch Eindrücke von Ton und Duft hervorrufen.
Für alle, die sich mit dem Studium der Synästhesien beschäftigen, ist das Werk
Almqvists eine unschätzbare Fundgrube. Es wäre deshalb sehr zu wünschen, daß
der Aufsatz Bergs über die Sinnesanalogien bei Almqvist in einer Sprache ver-
öffentlicht würde, die ihn für das psychologische Fachpublikum in Europa zugäng-
"eh machen könnte.

Helsingfors. Yrjö Hirn.

Bernhard Luther, Ibsens Beruf. Halle 1910, Niemeyer. 121 S.

Der Verfasser bezweifelt (S. 62), daß man den Künstler unmittelbar aus seinen
werken erkennen könne, und macht zu der Ablenkung dieser Linie (S. 12, 15) ge-
scheite Bemerkungen. Aber auch aus seinen Taten nicht; und sogar nicht aus
seinen Idealen (S. 62). Kann man denn aber überhaupt ein Buch über einen
Kunstler schreiben? Kommt denn nicht schließlich alles auf den Satz heraus: Indi-
viduum est ineffabile?

Und doch fühlt sich gerade Luther sehr sicher in seinem Erkenntnis des
Kunstlers. Daß er diesen mehr betont als den Gesellschaftskritiker (vgl. S. 12) oder
Philosophen (S. 18 f.) ist berechtigt; aber auch hier wieder schießt er über das Ziel
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