Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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DIE LYRIK CONRAD FERDINAND MEYERS. 373

tinsamsein sei das Erbteil der verscherzten Jugend, und seine unselige,
unstillbare Sehnsucht suche nach etwas unwiederbringlich Verlorenem,
nach dem Ausruhen in einem vollen Genügen, wie es Menschen in
ihrer Jugend zuteil werde, einem Glück, das ihm entgangen sei durch
den Ausfall der Jugend.

»Verscherzte Jugend ist ein Schmerz
Und einer ew'gen Sehnsucht Hort,
Nach seinem Lenze sucht das Herz
In einem fort, in einem fort!

Und ob die Locke mir ergraut

Und bald das Herz wird stille stehn,

Noch muß es, wann die Welle blaut,

Nach seinem Lenze wandern gehn.« (Lenzfahrt.)

In Wahrheit aber mußte Meyers Sehnsucht ungestillt bleiben, weil
ihn sein Wesen zur ewigen Einsamkeit verurteilte. Niemals verschul-
den äußere Umstände den Ausfall der Jugend aus einem Menschen-
leben.

Wohl aber gibt es Menschen, die ihre Wesensart der Möglichkeit,
jung zu sein, im vorhinein beraubt hat. Diese pflegen äußeren Um-
ständen schuld zu geben: sie nennen die versagte Jugend eine ver-
scherzte Jugend. Verscherzte Jugend ist eine zart-optimistische Um-
schreibung eines Menschenlebens, aus dem das Schicksal die Jugend
schon vor der Geburt gestrichen hat. Verscherzte Jugend ist eine
metaphorische Bezeichnung für eine unstillbare Sehnsucht.

Jugend ist eine Frage an die Welt, die die Welt beantwortet. Alle
die Erfüllungen, die die Jugend zu bringen pflegt, waren Meyer ver-
sagt. Ihm fehlte das Einssein, das Eins-werden-Können mit den
Menschen, die Gabe, sich vollkommen auszusprechen, sich ganz ver-
schenken zu können, das organische Verbundensein mit Leben und
Welt, alles, was das Glück und Genügen der ungebrochenen Naturen
ausmacht, alles, was eben in der Jugend am stärksten lebt und mit
überströmender Fülle die Jugend zum schönsten Zeitalter macht.
Darum konnte in seinem Leben keine Jugend blühen, darum mußte
er ewig suchen nach dem, was er Jugend, seine verscherzte Jugend
nannte.

»Daß ich einem ganzen vollen Glücke

Stillen Kuß auf stumme Lippen drücke ...

Einmal nur in einem Menschenleben —

Aber nimmer wird es sich begeben!« (Reisephantasie.)

Conrad Ferdinand hat nie einen Freund und nie eine Geliebte ge-
habt. Hier hungert eine Seele über sich hinaus, hier werden Hände
ausgestreckt, die nie der jubelnde Händedruck eines Freundes trösten
wird, hier steht jemand an dem Rand eines Abgrundes, über den nie
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