Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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FRANZ BAUMGARTEN.

»Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.

Wen dieser Engel überwand,

welcher so oft auf Kampf verzichtet,

der geht gerecht und aufgerichtet

und groß aus seiner harten Hand,

die sich, wie formend, an ihn schmiegte.

Die Siege laden ihn nicht ein,

sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte

von immer Größerem zu sein.« (Rainer Maria Rilke.)

Der Tiefleidende verschweigt seine Leiden: die Unaussprechbar-
keit seines Leidens macht ihn zum Tief traurigen, zum Ewigeinsamen.

»Wir werden nicht mehr starr und bleich
Den früheren liebeshelden gleich.
An trübsal waren wir zu reich.
Wir zucken leis und dulden weich.

Sie hießen tapfer, hießen frei,

Trotz ihrer lippen manchem schrei.

Wir litten lang und vielerlei

Doch schweigen müssen wir dabei.« (Stefan George.)

Die Vornehmheit des Verschweigens ist die Notwehr gegen die
Überwältigung durch das Leid. Der Kulturmensch ist vornehm, der
Naturmensch indiskret.

Conrad Ferdinand Meyers plastische und pathetische Stimmungs-
lyrik der Verschwiegenheit ist die Lyrik des intellektuellen, einsamen
Kulturmenschen, des repräsentativen Menschen des ausgehenden
19. Jahrhunderts.
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