Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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BEMERKUNGEN.

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Tat schaffende, richtige Wollen den Maßstab für die Beurteilung der Handlungen
abgibt. Das Werk, welches das für die uns gemeinsame Raum- oder Zeitanschauung
•eistet, wird vom einzelnen als Vertreter der Menschheit, da gleiche ästhetische
Ursachen gleiche Wirkungen haben, schön befunden, mag es sich um die Vor-
stellung einer Madonna, um das Sichtbarmachen von Visionen, um Sonnenunter-
gänge, die uns ein Turner entdecken läßt, oder um den Impressionismus handeln.
Daß trotzdem nicht alle Urteile über denselben Kunstgegenstand übereinstimmen,
hegt an den außerästhetischen Faktoren des Kunstwerks, die man überwunden
haben muß, um die ästhetischen zu erfassen. Auch setzen viele ihre Anschauung
zu schnell in Empfindung um (Fiedler). Daraus ergibt sich dann dieselbe Viel-
deutigkeit wie beim Gebrauch der Worte, mit denen die einzelnen verschiedene
Begriffe verbinden. Wer ein ästhetisches Urteil von seinem Standpunkt gegenüber
den außerästhetischen Ursachen zu Recht fällt, begeht den Fehler, daß er diesen
Standpunkt den anderen andichtet, z. B. wenn jemand, ohne Böcklin zu kennen, das
werk eines Nachahmers einem Böcklinkenner gegenüber für schön erklärt. Infolge
Qer verschiedenen Anlage des Fühlens und Empfindens vermag mancher überhaupt
nicht über die außerästhetischen Ursachen hinweg zum Kern des Werkes durchzu-
ringen. Demnach ist zwar nicht die Gleichwertigkeit, wohl aber die Berechtigung
es ästhetischen Urteils erwiesen. Die unbewußte Überzeugung, daß es (bei Aus-
schaltung aller außerästhetischen Faktoren) bei allen das gleiche sein müßte, bildet
ie Grundlage der Kunstwissenschaft. Ihre Aufgabe aber ist es, (durch Beseitigung
erselben) zum rein ästhetischen Beurteilen und damit zum Erleben der Kunst zu
erziehen. Der Kunstforscher vermag das, weil er dank der Kenntnis der Ent-
stehungszeit eines Werkes und ihrer historisch bedingten Gefühlslage zu den ästhe-
.'sehen Ursachen vorzudringen und sein eigenes Erlebnis darzustellen in der Lage
lst. So kann die Verschiedenheit der Kunstbeurteilung durch Erziehung wenigstens
gemindert werden. — An den Vortrag knüpfte sich eine lebhafte Diskussion über
«en Grundgedanken, daß sich ein normatives ästhetisches Werturteil aus der Wir-
kung des Kunstwerkes ableiten lasse. Der Vortragende faßte seinen Standpunkt
ln die Sätze zusammen: Der Wertempfänger ist der zünftige Betrachter; er gibt der
empfangenen Wirkung durch ein wertendes Urteil Ausdruck; der Anspruch auf
Allgemeingültigkeit desselben ist dadurch gegeben, daß diese Wirkung sich auf
höchste Vollendung unserer Anschauung als allgemeingültiges Ziel bezieht; auf der
Einheitlichkeit des Werfens beruht die Einheitlichkeit der kunstwissenschaftlichen
Methode. _ Die Voraussetzung betreffend, daß gleiche Ursachen gleiche Wir-
kungen haben, wurde von Herrn Utitz auf die Untersuchungen von F. Ohmann
hingewiesen, nach denen sich dieselbe für das ästhetische Erlebnis individuell sehr
verenge, so daß man bestenfalls auf mehrere Typen komme, je nachdem jemand
das Kunstwerk mehr funktionell oder mehr vorstellungsmäßig aufnimmt. Auch
Herr v. Allesch bestreitet, daß sich die verschiedene Gemütskonstitution als außer-
ästhetische Ursache ansehen lasse. Es kann daher höchstens gelingen, die Be-
urteiler einander psychisch anzunähern, und zwar durch eine adäquate Betrachtung,
die sich auf Milieukenntnis und persönliche Erfahrung gründet. Von hier eröffnet
Slch der Zugang zwar nicht zu einem absoluten, aber zu einem Normalurteil. Und
das sei das einzig Erreichbare. Herr Hamann spricht sich dahin aus, daß man
fluch auf diesem Wege nur zu einer gewissen Gleichheit der Einstellung für theore-
tische Erkenntniszwecke gelangen könne, ohne daß die Wertfrage dadurch gelöst
Werde. Das Problem, wie es von Kant gefaßt worden ist, bleibe dieses: Wie
kommen wir zu einer Norm, die unabhängig ist von dem augenblicklichen Ge-
allen? Den Forderungscharakter des ästhetischen Urteils hat Kant auf die Tat-
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