Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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BESPRECHUNGEN. 525

Sehnsucht nach dem Nie-Erreichbaren sind, wie die Dinge liegen, drei Hauptwege
gegeben, zwischen denen natürlich viele Nebenstraßen laufen, viele Verbindungs-
steige hin und her kreuzen. Zwei suchen die uranfängliche Dualität fortzuschaffen:
der Klassizismus durch eine dem Wesenhaften zugute kommende Verflüchtigung
sonderartlichen Seins, die Moderne durch eine so leidenschaftliche, unbegrenzt
wandlungsfähige Erfassung der Verkörperung, daß das Vielfältige jene Wesenhaftig-
keit umschließt, von der in dem Einzelnen nichts enthalten ist. Der dritte Weg,
für den noch erst ein Name zu bilden sein wird, da er mit Vollbewußtheit bislang
selten begangen wurde, geht geradeswegs auf die als gegeben hingenommene Dua-
lität aus. Ohne mit einer alle Seelenkräfte absorbierenden Verbundenheit Einem,
dem Wesen oder dem Sein, nachzutrachten, suchen die, welche ihn bahnen, durch
unbekümmerten Verzicht auf das Letzte in Einem, eine innige Verbindung der un-
umgänglichen Werte auf beiden Seiten. Obwohl selbstverständlich der Ansatzpunkt
völlig gleich ist und die Werte erst durch die Weite des Vordringens von ihm aus,
vom Lebendigen aufs Symbolhafte zu oder umgekehrt oder in der Umklammerung
des Beiderseitigen, geschaffen werden, wird uns in der Theorie wie in der Praxis
noch oft Eines als das Alleinseligmachende angepriesen werden.

Das obengenannte Buch ist ein Versuch, uns das einem Individuum Gemäße
als Norm aufzureden, das leidenschaftliche Bekenntnis eines ganz Modernistischen,
der da glaubt, das ihm Wesens-Oegensätzliche durch ästhetisierende Deduktionen
nicht nur entthronen zu müssen, sondern entthronen zu können. Ausgehend von
der Behauptung, daß die griechische Kunst uns enttäusche, eine Behauptung, die
schon dadurch als unwahre Verallgemeinerung erwiesen wird, daß sowohl bedeut-
same Künstler des Wortes wie des Meißels sie als voll lebendig empfinden, lehrt
der Verfasser, daß diese Enttäuschung nicht in der Unzulänglichkeit des Genießers,
sondern in der Unzulänglichkeit der antiken Kunst begründet liege. Es fehle ihr
das Eigenartige, Charakteristische, Individuelle. Ihrem Wesen nach eine Kunst der
Mäßigung, der Beruhigung des Lebendigen, beruhe sie in ihrer Bedingtheit auf
dem Rhythmus des Ausgleiches, wohingegen die moderne, mit Vorliebe »frei« ge-
nannte Kunst durch den absoluten Rhythmus des Unbedingt-Allgemeinen bestimmt
sei, das nur im Individuellen offenbar werden könne. Denn das Allgemeine kann
wohl erkannt, aber nicht geschaut, also auch nicht gestaltet werden. Während die
neuzeitliche Kunst (als »unsere« Kunst proklamiert), immer auf den unbedingten
Wesensausdruck des absoluten Charakters zielend, ihre Erfüllung in der Ekstase
fände, sei das Ergebnis der Antike, die auf das Allgemeine aus sei und dadurch
unbedingt zur Verregelmäßigung kommen müsse, abstumpfende Einerleiheit. Wäh-
rend die antike Kunst die Dinge einem vorgefaßten Idealismus zuliebe »entschwere«,
lasse die moderne ihr die Lebendigkeit, indem sie sie zwar in die idealische Potenz
erhebe, in die Wesensausgesprochenheit hinaufgestalte, aber nicht erst entwirkliche.
Denn die antike Lebensharmonie stehe noch jenseits des großen Risses, den die
um Naturerkenntnis ringende Weltentwicklung erlebt hat, könne uns daher weder
in ihrer Erkenntnis, noch in ihrem Ethos, noch in ihrer künstlerischen Gestaltung
genügen. Sei also zu nichts mehr nutze. Was wenige zugeständen, alle empfänden,
aber kaum einer durch Formulierung unabweisbarer Erkenntnisse zwingend be-
gründet hätte.

Ich brauche nach der eingangs vorgenommenen Andeutung meiner Anschau-
ungen über die Grundlagen des Problems nicht erst auszusprechen, wie ich diese
Überbetonung eines individuell begründeten Standpunktes bewerte, der wohl einem
ästhetisierenden Künstler (der immer die Maße nach sich selber nimmt), aber weit
weniger einem philosophierenden Theoretiker ansteht. Auch in der Form scheint


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