Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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BESPRECHUNGEN. 527

Bd. 2, S. 7 ff., besser abgedruckt bei Blümner, Winckelmanns Briefe an seine Züricher
Freunde 1882, S. 9 ff.) oder an das Schreiben an den Baron von Stosch aus dem
November 1757 (Förster Bd. 1, S. 216 ff.), worin die famosen Stellen vorkommen:
»Im übrigen können sehr große Ignoranten sehr gelehrt schreiben« und »Er [ein
römischer Altertumsforscher] kann viel wissen, aber in der Kunst ist er dummer
als ein Rindvieh«.

Jedem, der sich ernster mit Winckelmann beschäftigt, muß die Mangelhaftigkeit
der vorhandenen Ausgaben auffallen. Die Berliner Akademie plant, wie es heißt,
eine neue Ausgabe der Winckelmannschen Schriften; es scheint indes die Neigung
zu bestehen, dies Unternehmen vorläufig zugunsten einer Hamann-Ausgabe zurück-
treten zu lassen. Dagegen ist zu bemerken, daß wir einer neuen Winckelmann-
Ausgabe weit dringlicher bedürfen als einer neuen Hamann-Ausgabe: aus mancherlei
Gründen, vor allem aber deshalb, weil der harmonische (genauer ausgedrückt: Har-
monie heischende) Winckelmann dem 20. Jahrhundert erheblich mehr zu sagen hat
als der chaotische Hamann.

Leipzig.___________ Hermann Michel.

Dante und Goethe. Dialoge von Daniel Stern (Marie Gräfin d'Agoult).
Übersetzt von ihrer Enkelin Daniela Thode. — Heidelberg 1911, C. Winter.
275 S.
Daniel Stern, die in der Vorgeschichte ihres Geschlechts einen Heiligen besaß
und durch ihre Mutter, eine Bethmann, zu dem jetzigen Reichskanzler in verwandt-
schaftlichen Beziehungen stehen würde — aus der illegitimen Ehe mit Liszt die
Schwiegermutter von Hans v. Bülow und Richard Wagner —, hat dies Buch über
Dante und Goethe ihrer Tochter Cosima gewidmet; Henry Thodes Gattin hat es
Jahrzehnte nach dem Erscheinen (die Einleitung meidet alle Daten mit einer ge-
wissen Absichtlichkeit) übersetzt. Es ist gewiß nicht leicht, auf einem so engen
Raum mehr berühmte Namen zu vereinigen. Und so ist es denn vollkommen in
der Ordnung, daß der Kreis, der sich in andächtiger Verehrung um diese Namen
gruppiert, diese Gabe in weihevoller Stimmung wie ein Symbol der Geistestradition
aufnimmt. Dem entspricht die schöne Ausstattung (mit acht Porträts, fast alle der
schönen Gräfin) und dem auch der ein wenig priesterliche Ton der Vorrede, die
übrigens den heroischen Charakter der Verfasserin mit Recht feiert. Dabei bleibt
aber die Frage offen, ob auch für weitere Kreise die Ausgabe etwas bedeutet. Ich
vermöchte sie nicht unbedingt zu bejahen. Die höchst interessante Gestalt der
Marie de Flavigny lernte man aus anderen Schriften viel besser kennen, vor allem
aus ihren sehr lesenswerten Memoiren, die man als ein echtfranzösisches Gegen-
stück zu den echtdeutschen »Memoiren einer Idealistin« bezeichnen könnte. Für
das Verständnis Goethes und wohl auch Dantes ist aus den altmodisch dozierenden,
mit Analogien überhäuften Dialogen nicht mehr viel zu holen, obwohl einige feine
Bemerkungen über Goethes Religiosität (neben merkwürdig schiefen über seine
politischen Anschauungen oder über seine Sinnlichkeit) nicht fehlen. Was damals
eine wirkliche Tat war, als der Anerkennung des ganzen »Faust« sich bei uns noch
sogar ein Fr. Th. Vischer in den Weg stellte, das ist glücklicherweise längst histo-
risch geworden. Endlich die Übersetzung selbst? Sie liest sich gar zu oft eben
als Übersetzung; Gallizismen auf Schritt und Tritt: »Dieser Einfall ist weit tief-
sinniger als witzig«; »der Knabe-Dichter« im Sinne von: der noch im Knabenalter
stehende Dichter (Goethes »Knabe-Lenker« ist etwas ganz anderes); »Ich erinnere
sie mir nicht«; »Gläubige an Wen oder Was?« — Man hätte den entscheidenden
Schlußabsatz in gutem Deutsch abdrucken sollen, statt durch unvollkommene Wieder-
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