Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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ÜBER EINFÜHLUNG. 577

den Falle in der Hemmung des Bewertungsprozesses durch den Ein-
griff, sein Analogon findet, ist doch fraglich. An sich könnte auch
das Gegenteil, die Herabminderung der Bewertung durch den Eingriff,
erwartet werden. Freilich hat ja aber bei Lipps diese Bewertung in
ihrem Beruhen auf dem »Selbstwertgefühl« einen starken Rückhalt. Der
dem Objekt zukommende Wert ist ja aus dem eigenen Vorrat an
Wertgefühl entliehen und wird sich deshalb wohl mindestens auch
gegen die eingetretene Hemmung durchsetzen. Eine Werterhöhung
liegt darin freilich noch nicht.

Trotz allem dem bleibt aber die nunmehr eintretende Wendung
zum Eintreten der Lust aus dem Tragischen noch recht dunkel und
unverständlich. »Ich fühle in erhöhtem Maße meinen Menschenwert
in einem anderen. Ich erlebe oder fühle in höherem Maße, was
es heißt, ein Mensch zu sein.« Tatsächlich fühlen wir hier eher
die Unlust eines saltus in demonstrando, und überhaupt hat dieser
ganze Gedankengang doch eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einem in
der Retorte des Alchimisten produzierten Homunkulusgebilde. Wie
ganz anders dem Leben entnommen ist der einfache, aber als antikes
testimoniam für die Sollizitationstheorie hochbedeutsame Grundgedanke
der aristotelischen Katharsislehre: die sympathische Unlusterregung
durch das tragische Leiden ist qua Erregung lustvoll! —

So zeigt sich also die »Einfühlung« zunächst in ihrem ursprüng-
lichen harmloseren Sinne als sprachliches Gebilde und nach dem,
was sie dem Wortlaut nach ausdrückt, unhaltbar. In erhöhtem
Maße muß dies Urteil sodann von der Bedeutung gelten, die dies
sprachliche Gebilde bei Lipps erhält. Endlich aber ergibt sich mit
voller Evidenz, daß das Einfühlungsprinzip in dem ersteren an sich
berechtigten und bedeutsamen Sinne zwar einen bestimmten, genau
begrenzten Teil der ästhetischen Vorgänge unter sich begreift, zur
Erklärung der Gesamtheit der ästhetischen Erscheinungen aber weder
nach dieser ursprünglichen Bedeutung — als Verlebendigung und
Verpersönlichung — noch auch nach der künstlichen Umdeutung,
die es bei Lipps erhalten hat, irgendwie zureichend ist.

Als mir der Verfasser im Frühjahr diese Arbeit schickte, schrieb er, daß er eine
längere Reise antrete, aber rechtzeitig zurückkehren werde, um die Korrektur lesen
zu können. Das Schicksal hat es anders gewollt: am 28. Juni ist Döring in Oporto
gestorben. Die Leser empfangen somit die letzte Gabe dieses ernst um die Sache
bemühten Philosophen. M. D.

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