Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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BESPRECHUNGEN.

Meisterwerken der Tonkunst einen Ausdruck suchen; alle künstlerischen Werke
werden zur Erfüllung von Jugendträumen. Was Graf die innere Werkstatt des
Künstlers nennt, möchte er eigentlich der Kinderstube gleichstellen, in der ein ge-
reifter Mann mit altem, liebevoll aufbewahrtem Spielzeug hantiere. — Eine sonder-
bare Ergänzung finden diese Bestimmungen noch darin, daß Graf den schaffenden
Künstler in steter Lebensgefahr glaubt und die Erhöhung des Geisteslebens beim
Produzieren sexuellen Hilfskräften zuschreibt.

Innerhalb des Vorganges der künstlerischen Produktion unterscheidet Graf die
bekannten Phasen der produktiven Stimmung, der künstlerischen Konzeption und
der Skizze. Dem Kompositionsprozeß selbst oder dem synthetischen Zusammen-
wirken der zuvor aufgezeigten einzelnen Faktoren zeigt sich seine psychologische
Schulung bei aller Verständigkeit nicht ganz gewachsen. Das Problem der klassi-
schen Form erörtert Graf an Hand der von Brahms vorgenommenen Umarbeitung
seines Klaviertrio Op. 8, das Problem des großen Stils durch eine Vergleichung der
beiden großen Leonaenouvertüren Beethovens.

Im ganzen kann Graf sich an tiefere Einsicht in das Wesen des Musikalisch-
Schönen nicht messen mit wirklichen Ästhetikern wie Siebeck oder gar Eduard von
Hartmann, wie er denn auch das Poetisch-Schöne gründlich verkennt, da er für dessen
Grundlage die besondere Stärke, Lebhaftigkeit und Farbigkeit der visuellen Bilder
hält. Bei alledem ist Graf aber einsichtig genug, tiefsinnige Worte von Schiller,
Goethe, Vischer über das Unbewußte im künstlerischen Schaffen dem vollen Werte
nach zu würdigen. Sehr verständlich sind seine eigenen Bemerkungen über die
produktive Stimmung als Anfang des Formprozesses; über die Inspiration, die nur
das Eintreten des lange Vorbereiteten in die Helle des Bewußtseins ist; über die
Vitalität eines noch nicht benützten, wieder in die Tiefen der Seele versenkten
Motivs; über den Wert der die Konzeption fördernden unermüdlichen Arbeit; über
die Hilfskonstruktionen; über die in das instinktive Schaffen hineinverarbeitete kritische
Reflexion; über den sachlichen Wert der theoretischen Reflexionen eines Richard
Wagner; über das Handwerk als den weiteren und die künstlerische Technik als
den engeren Begriff, so daß diese letztere als das zum persönlichen Eigentum des
Künstlers gewordene, mit Phantasie, Seele und Geist erfüllte Handwerk sich dar-
stellt, das sich mit jedem neuen, eigenartigen Werke wandelt. Treffende Bemer-
kungen widmet Graf ferner den in größeren Werken eingeschalteten sogenannten
Episoden, dem unentbehrlichen Kunstmittel des Kontrastes, wie der die Vollendung
bedingenden feinsten Ziselierarbeit des Werkes. Dabei vergißt er nie, daß es die Idee
des Ganzen ist, die alle Detailarbeit leiten muß, daß alles künstlerische Schaffen immer
nur Schaffen aus einer Einheit heraus ist: das Genie bezeichnet den Punkt, wo die
Ästhetik in die Metaphysik übergeht, wo das Gebiet des Transzendenten berührt
wird und die bloße naturwissenschaftliche Beschreibung versagt.

So treffend und schätzenswert alle diese Ausführungen sind, so würden sie an
sich doch kaum genügen, das Grafsche Buch aus den übrigen Arbeiten über den
gleichen Gegenstand merkbar herauszuheben. Sein individueller Wert und Reiz
liegt nach einer anderen Seite. Er ist in der Hauptsache bedingt durch das doku-
mentarische Material, das Graf als feiner, geistvoller, gediegener Kenner der
musikalischen Literatur in reicher Fülle beibringt. Vor allem ist es die intime
Kenntnis der Skizzenbücher Beethovens, die ihn befähigt, empirische Belege für
seine Auffassung des künstlerischen Schaffensprozesses zur Verfügung zu stellen.
Wir müssen zwar die fachmäßige Detailprüfung dieses Materials wie auch der um-
fassenden Analysen den musikalischen Fachzeitschriften überlassen, dürfen darum
aber doch Grafs Schrift unbedenklich allen denen warm empfehlen, die sich in den
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