Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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BESPRECHUNGEN.

Bradley weiß freilich auch, daß innerhalb eines größeren Gedichtes nicht leicht
in allen Teilen Gehalt und Form zu einer solchen unlöslichen Einheit verbunden
werden können, und es wird ihm schwer, diese Tatsache mit seinem System zu ver-
einigen. Sein Standpunkt ist im ganzen jener Relativismus, den Volkelt klarer um-
schreibt: »Solche Stellen in einer Dichtung, wo die Vorstellungen abstrakt und un-
sinnlich bleiben, sind von ästhetischer Minderwertigkeit. Es ist Aufgabe des Dichters,
möglichst nur mit solchen Vorstellungen zu arbeiten, die von der Phantasie sinn-
lich ausgeprägt werden. Das Vorkommen von unsinnlichen Bedeutungsvorstel-
lungen in der Dichtung fällt also unter den Gesichtspunkt des Notbehelfs, des un-
vermeidlichen Übels. Und ein je größerer Künstler der Dichter ist, um so mehr
nähert er sich in der Tat jenem Idealfalle an, der sich durch das Fehlen aller ab-
strakt bleibenden Vorstellungen kennzeichnet. In der Gegenwart strebt selbst der
Roman — und nicht ohne Erfolg -* danach, alle anschaulich dürren, begriffsmäßig
unsinnlichen Stellen zu verbannen« (System der Ästhetik I, 137). Bradley kann das
von seinem mehr absolutistisch-doktrinären Standpunkt aus nicht wohl ausdrücken;
für ihn ist eben nur poetisch, was jene unbedingte Einheit von Gehalt und Form
aufweist. Denn nur diese Einheit ist es, die ihn auf das Unendliche, auf das
Allgemeine hinweist. Das ist jener Symbolbegriff, den Goethe am stärksten hüben,
Emerson drüben vertreten hat und der für Bradleys gesamte Kunstkritik von grund-
legender Bedeutung ist.

Unter den einzelnen ästhetischen Grundbegriffen faßt Bradley das Erhabene
und das Tragische schärfer ins Auge. Das erste wesentliche Merkmal des e r-
habenen Gegenstandes sieht er, wie Volkelt, in seiner verhältnismäßig außer-
ordentlichen Größe, sei es nun hinsichtlich der Ausdehnung oder der physischen,
geistigen, moralischen Kraft; bei diesem »negativen Element«, bei der Überwäl-
tigung unseres Selbst aber bleibt unsere Seele nicht stehen; sie nimmt einen frischen
Anlauf, um über den Eindruck von außen Herr zu werden, und hierin eben liegt
das Erhebende (»positives Element« vgl. »overwhelming and uplifting«-). Dem nega-
tiven Element wird nun Bradley besser gerecht als Volkelt, System Bd. II, 138,
während beide Ästhetiker darin übereinstimmen, daß das Erhabene in jedem Falle
auf den Eindruck der Kraftentfaltung begründet und eine wesentliche Scheidung
des mathematisch und dynamisch Erhabenen nicht wohl angebracht sei. Auch
andere Züge, die oft für wesentlich gehalten worden sind, kommen nur einzelnen
Arten des Erhabenen zu; in diesem Sinne polemisiert Bradley gegen Burkes Be-
gründung des Erhabenen auf die Furcht allein, die ohnehin niemals die Grenzen
eines Scheingefühls überschreiten dürfe. Endlich verwahrt er sich dagegen, daß
die »überwältigende« Größe, die für den Eindruck des Erhabenen wesentlich ist,
mit dem Unendlichen gleichgesetzt werde. Auch hier steht er auf demselben Boden
wie Volkelt gegen Kant, Schiller u. a. (II, 107 f.), berührt sich aber im folgenden
doch mehr mit Dessoirs verständnisvoller Vermittlung: »Es genügt nicht, um einen
Gegenstand erhaben zu machen, daß er viel größer sei als seine Umgebung, sondern
er muß so groß sein, daß er an das Unendliche grenzt; und das ist nur von einer
gewissen Quantität ab möglich« (Ästhetik S. 206); in ähnlicher Weise führt Bradley
(59 ff.) aus, daß gegenüber dem Erhabenen jedes Messen, Wägen und Zählen, jedes
Vergleichen mit feststehenden Einheiten verstummt; im anderen Falle würde eben
der Eindruck des Erhabenen sofort verwischt werden. »Die Größe ist nur manch-
mal unermeßlich, aber sie ist immer ungemessen.« Wenn er dann freilich das
Schöne und das Erhabene so zu scheiden sucht, daß bei jenem das Unendliche
immanent, bei diesem transzendent sei, so werden wir sagen müssen, daß mit
jener ersten Bestimmung (die freilich durchaus im Sinne Goethes gehalten ist)
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