Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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676 BESPRECHUNGEN.

Aus dem übrigen seien noch einige Einzelstellen herausgegriffen. Von der
Neigung der Zeit zu einem zeichnerischen und streng linearen Stil sagt der Autor:
»Die malerische Behandlung wurde gleichsam unter den Händen zu einer strengeren
linearen. Hier nun kam die Reichenau auf anderem Wege dem nordischen Un-
vermögen entgegen. Neben den getriebenen Goldblechfiguren hatte eine.große
Anzahl von Reichenauer Arbeiten gravierte Darstellungen und Ornamente auf-
zuweisen, die für das ungeschulte Auge leichter nachzuahmen waren und die den
linearen Stil der nordischen Arbeiten mit veranlaßten. Und es war eben diese be-
sondere Art der Betätigung, die offenbar den Ausgangspunkt für eine lebendige
Produktion und reichere Weiterentwicklung gab: die Graviertechnik« (S. 14). Der
Verfasser vertritt die Ansicht, daß eine primitive Kunstübung sich stets zuerst in
linearen Äußerungen betätige; es ist hinzuzufügen: wenn man überhaupt in der
Fläche arbeitet; denn daß das Allerfrüheste, was wir von menschlicher Kunst ken-
nen, Rundplastik ist, unterliegt keinem Zweifel. — Bezeichnend dafür, wie sehr
die Künstler um die erste Jahrtausendwende unserer Zeitrechnung ihre Arbeit als
Kirchendienst auffaßten, ist eine Stelle des Theophilus, die der Verfasser (S. 29)
mitteilt: »Wohlan denn, wackerer Mann, glücklich vor Gott und Menschen in diesem
Leben, glücklicher noch in Zukunft, durch dessen Mühe und Eifer Gott so viele
Opferspenden gebracht sind, erhebe dich zu weiterer Tätigkeit und mache dich
daran, durch Anstrengen deines ganzen Geistes zu ergänzen, was noch von dem
zum Gotteshaus Gehörigen fehlt, ohne das die göttlichen Mysterien und die kirch-
lichen Verrichtungen nicht bestehen können. Es sind dies aber Kelche, Leuchter,
Rauchfässer, Meßkännchen, Krüge, Schreine der Pfänder der Heiligen, Kreuze,
Plenarien und das übrige, was zum Gebrauch des kirchlichen Dienstes das Be-
dürfnis erfordert.«

Creutz ersieht mit Genugtuung eine größere Unabhängigkeit der Anfänge der
deutschen heimischen Kunst vom Auslande, als man früher wohl anzunehmen
geneigt war. Von der byzantinischen Kunst wird gesagt (S. 67): »Sie wirkt nur
entfernt als Anregerin, im Grunde sind die Gestalten der deutschen Plastik un-
gleich wuchtiger und monumentaler, nur erklärbar durch die starke organische
Entwicklung, wie sie im 12. Jahrhundert bis in alle Einzelheiten zu verfolgen
ist.« Der Verfasser zitiert einen anderen Autor, H. Schmitz: »Das Byzantinische
wirkt nicht als primäres, stilbildendes Prinzip. Der Historiker kann a priori nicht
glauben, daß das 12. Jahrhundert im Norden durch Formen Befriedigung gefunden
hätte, wie sie die Dekadenzkultur der Byzantiner seit dem 10. Jahrhundert unab-
lässig wiederholt.« Und das Buch schließt: »Die Werke aus dem Anfang des
monumentalen Stils in Norddeutschland erscheinen gegenüber diesen späten Werken
ungleich kraftvoller und monumentaler. Ihre starke Eigenart ist nur aus der Natur
des Landes und seines Volkes zu erklären, und es scheint von großer Bedeutung,
daß diese Werke im alten Herzogtum Sachsen in starker westfälischer Ursprüng-
lichkeit entstanden sind. Kein anderes Volk im Mittelalter hat Denkmäler von so
lapidarer Einfachheit und Größe wie diese zu schaffen vermocht. Als erste Doku-
mente einer heimischen Anschauung verraten sie für diese Frühzeit jenes über-
raschende Selbstbewußtsein, wie es ähnlich in den Worten des Theophilus aus-
klingt: ,Würdest du mit Verachtung dieser Dinge, als wertloser und einheimischer,
Länder und Meere durchschweifen?'«

Man kann sich nach der Beschäftigung mit dem Buche, das eine Fülle von
Kunstmaterial aus bislang dunkleren Partien der Kunstgeschichte zu gruppieren weiß,
einer Genugtuung über den Fortschritt der Wissenschaft hingeben, wenn man da-
gegen Worte Goethes liest, der einst den Erwerb der Kappenberger Schale aus dieser
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