Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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418 BESPRECHUNGEN.

Hans Cürlis und H. Stephany, Die künstlerischen und wirtschaft-
lichen Irrwege unserer Baukunst. Vergleichende kritische
Studien deutscher und belgischer Architektur mit 79 Abbildungen, München,
R. Piper & Co.
Es ist heut ungeheuer populär, gegen den Luxus zu eifern, nicht allein, weil
wir wirklich Sparsamkeit nötig haben, was kein gesunder Mensch nach den Zer-
störungen des Krieges bestreiten kann, sondern auch deshalb, weil eine neue
Schicht von Reichen, die uns der Krieg beschert hat, einen auffälligen Luxus treibt,
der auch viele Werte des Geschmackes und Möglichkeiten vergeistigten Genusses
an Stellen häuft, wo man nichts damit anzufangen weiß, sie also brach liegen läßt
und dem eigentlichen Kulturleben entzieht. Eine Reichsluxussteuer ist beschlossen
worden, und Walter Rathenau hat der ganzen vermeintlichen Götzenverfolgung ihre
Theorie und ihr Dogma verschafft. Hier mögen nur im Vorübergehen ein paar
Einwände gegen Rathenau, dessen Ansichten als bekannt vorausgesetzt werden
dürfen, erwähnt werden.

Er selber sagt einmal ganz richtig: »Mit bloßer Sparsamkeit und Mehrarbeit
werden wir weder die Verschiebung der Vermögen rückgängig machen, noch die
Beziehungen unserer Außenwirtschaft wieder herstellen.« Aber wenn er dann auf
den Luxus zu sprechen kommt, verfällt er in jene sich jetzt vordrängende sparta-
nische Denkweise, die so gut zum Geiste des Krieges zu passen schien und den
Luxus in seinem kulturellen Wert unterschätzt. Selbst im Kriege bewahrt das
Wort Voltaires: le superflu chose tres necessaire ein gewisses Recht. Im übrigen
ist ja immer schwer festzustellen, wo der Luxus anfängt. Wenn Rathenau sagt:
»Alle Aufwendungen an Arbeitskraft, Rohstoff, Werkzeug, Transport, Einfuhr, Einzel-
verkauf, Lagerung, die auf ein entbehrliches oder überflüssiges Erzeugnis des
Luxus verwendet werden, bleiben unserer Wirtschaft verloren,« so bleibt eben
die Frage: was ist überflüssig? Luxus ist einer der schwierigsten Begriffe und
in besonderem Grade relativ. Jedenfalls darf er nicht verwechselt werden mit
der bloßen Vergeudung. Daß eine Verschwendung von Rohstoffen oder Nahrungs-
mitteln, wie sie vor dem Krieg infolge unrationeller Arbeits- und Zubereitungs-
methoden üblich war, kein^Luxus, sondern mangelhafte Technik ist, liegt auf der
Hand. Diese Vergeudung bringt keinen Genuß mit sich und beruht nur auf Nach-
lässigkeit, kann aber ohne große Unbequemlichkeit vermieden werden. Und daß
jede nützliche Ersparnis an Werkzeugen und Stoffen anzustreben ist, wird niemand
bestreiten. Rathenau spricht ausgiebig und einleuchtend darüber. Die Behandlung
des Luxus aber hat er sich dadurch vereinfacht, daß er vornehmlich von materiellem
Luxus redet und dafür besonders einfache Beispiele wie Perlenschnüre u. dergl.
wählt. Und auch diese Beispiele schlagen nicht immer durch. Wenn er z. B;
meint, die Einfuhr von ein paar hundert Flaschen kostbaren Weines bedeute, daß
ein Techniker oder Gelehrter weniger im Lande ausgebildet werden könne, so ist
das Wort »können« zu betonen; denn es ist keineswegs sicher, daß, wenn sich
ein reicher Mann den Genuß jenes kostbaren Weines versagt, das Geld zu kulturell
unvergleichlich wertvolleren Zwecken verwendet wird. Gewiß können, wie Rathenau
weiter meint, neue Quellen der Freude und des Genusses erschlossen werden,
wenn jeder etwas von dem abläßt, was ihm bisher als begehrenswerter materieller
Luxus gegolten hat; aber schwerlich werden die Menschen, wie sie nun einmal
sind, in größerem Umfang als früher für materielle Genüsse geistige eintauschen.
Viele werden gerade nach diesem Krieg und nach seinen materiellen Entbehrungen
sich wieder sehr stark materiellen Genüssen hingeben, sogar mit einer größeren
Fähigkeit des Aufnehmens, als sie vordem besaßen. Dagegen wird alles Mahnen
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