Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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Besprechungen.

WalterBrecht, Konrad FerdinandMeyer und das Kunstwerk seiner
Gedichtsammlung. Wien und Leipzig. Wilhelm Braumüller. Uhiversitäts-
Verlagsbuchhandlung. G. m. b. H. 1918. 233 S.

Innerhalb der neueren, aufs Objekt gerichteten wissenschaftlichen Bestrebungen,
soweit sie die Lyrik betreffen, bezeichnet das Buch einen beachtlichen Fortschritt.
Wir haben nach den biographischen Ausschweifungen gewisser Schulen wieder ge-
lernt ein Gedicht rein für sich aufzunehmen. Es ist natürlich, daß der Wunsch sich
regt, auch eine Sammlung von Gedichten einmal auf ihren in ihr selbst ruhenden
Wert zu untersuchen. Nichts zeigt besser als das Buch Brechts, daß unsere ästhe-
tische Kritik den toten Biographismus innerlich überwunden hat. Das Biographische
muß in der Darstellung einer Gedichtsammlung als Kunstwerk natürlich stärker
heraustreten als bei einer ästhetischen Analyse einzelner Gedichte. Brecht hat auch
biographisches Material überall in seiner Darstellung verarbeitet. Aber das Bio-
graphische steht unaufdringlich im Hintergrund; seine Beherrschung ist selbstver-
ständliche Voraussetzung, nicht das Ziel der Erklärung. Im Vordergrund steht
immer das objektive Gebilde, die Gedichtsammlung. Das Erlebnis tritt nur soweit
in die Darstellung ein, als es dazu dient, das Geformte in seinem ganzen Reich-
tum zu zeigen. Jener hoffentlich vergangenen Interpretationsweise war das Kunst-
werk, aus dem das Biographische herausgeschält war, ein Rest, mit dem man nichts
anzufangen wußte. Hier führt das Biographische nur noch tiefer in das objektive
Werk hinein, und das Erlebnis ist der Rest, der zurückbleibt, oder besser: Brechts
Buch ist deshalb ein Höhepunkt der objektivistischen Methode, weil es das Bio-
graphische nicht als ungelösten Rest zurückläßt, sondern in die Form aufhebt. Nicht
Meyers Leben, sein geformtes Leben zieht an uns vorüber, ein »wahreres« (207)
und doch höchst individuelles.

Soviel über die Methode. Im einzelnen zeigt uns Brecht ausführlich mit innigster
Versenkung in seinen Gegenstand, welch beziehungsreicher Kosmos die Meyersche
Gedichtsammlung ist. Sein Beispiel beweist wieder einmal, daß nur Liebe schöp-
ferisch wird. Hier ist etwas gesehen, das uns bereichert, und das »heuristische Prin-
zip« erkenne ich in dem energischen Satz (den ich jeder künftigen Untersuchung
über Meyer als Motto wünsche) »an innerer Temperamentlosigkeit bei ihm glaube
ich zu keiner Zeit« (206).

Die Feinheit des Meyerschen Formempfindens, was Gedichtanordnung betrifft,
die von Brecht bis in die zarteste Verzweigung verfolgt wird, lernt man pro-
grammatisch gleichsam aus einer Erinnerung des Dichters an ein Gespräch mit
Keller kennen. Keller hat seine Vergänglichkeitslieder in einen Zyklus zusammen-
gestellt (»Sonnwende und Entsagen«). Meyer ist das nicht recht. Der Dichter,
meint er, will keinen »erwiesenen Satz« hinstellen. Die Stimmung der Vergänglich-
keit, die im Leben immer wieder anklingt, muß auch in der Gedichtsammlung
immer wieder neu erstehen. Er wünschte diese »süßen Stimmen« also durch die
ganze Sammlung verteilt. Keller wurde unmutig, als er das hörte und Meyer brach
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