Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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ALBERT WELLEK.

nämlich überwiegen die unpersönlichen oder vielmehr überpersönlichen
Sinnenentsprechungen, hinter denen also nicht mehr oder minder kon-
krete Doppelempfindung, sondern Synästhesie der Massen, des
Zeitgeists, des Volksgeists, des Menschengeists schlechthin zu suchen
sind: so einerseits (im Statischen) die Synästhesien der Sprache oder,
um im Bilde zu bleiben, des „Sprachgeists"; andrerseits (im Dynami-
schen) in der Urgeschichte des Phänomens im Geistesleben der östlichen
Kulturvölker, also vor allem der Chinesen, Inder, Perser und Araber,
Babylonier und Ägypter, und nicht zuletzt der Hebräer58). Hier, wo die
Spuren der Synästhesie um Jahrtausende über den Beginn unserer Zeit-
rechnung zurück zu verfolgen sind, erreicht unsere Kenntnis nur ganz
selten die Persönlichkeit eines einzelnen Urhebers, ja zumeist ist ein sol-
cher hier sinngemäß gar nicht erst vorstellbar. Erst in der abendländi-
schen Fortentwicklung aller der großen und kleinen Seelenbewegungen,
die in der Synästhesie und Entsprechung der Sinne verankert sind, stellt
sich allmählich Individualisierung ein. Über die klassische und christ-
liche Sphärenharmonie, die Sinnespsychologie der Vorsokratiker und des
P 1 a t o n, die Farbenharmonie seit Aristoteles, die Tropen des
Homer und der klassischen Lyriker, die Tonmalerei der Nomoi und
hellenistischen Virtuosenstücke (usw.) führt hier der Weg aufwärts bis
zum C a s t e 1 sehen Farbenklavier und der Romantik, wo sich der Kreis
schließt durch das Bewußtwerden der Erscheinung und das Einsetzen
ihrer wissenschaftlichen Ergründung.

58) S. meine im Erscheinen begriffene Abhandlung über „Das Farbenhören
im Lichte der vergleichenden Musikwissenschaft" in der Z. f. MW. (XI, 1929).
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