Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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KÄTE FRIEDEMANN.

„FrauBorkmann — ;--Die frische Luft vertrug er nicht.

Ella. Es war wohl mehr die Kälte, was ihn tötete.

Frau Borkmann (schüttelt den Kopf). Die Kälte sagst Du? Die

Kälte, die hatte ihn schon längst getötet.

Ella (nickt ihr zu). Ja, — und uns beide in Schatten verwandelt.
Frau Bork mann. Da hast Du recht.

Ella (mit schmerzlichem Lächeln). Ein Toter und zwei Schatten, —
das hat die Kälte getan.

FrauBorkmann. Ja, die Herzenskälte. — — —"

Also ein ständiges mit dem Finger auf das Hindeuten, was sym-
bolisiert werden soll, oder vielmehr, was symbolisch gemeint ist. Ibsen
ist da überdeutlich, als habe er ständig Angst, nicht richtig verstanden
zu werden. Keine Spur von Naivität, keine Selbstverständlichkeit, mit
der sich ihm das Bild für die Sache aufdrängte. Charakteristisch
dafür ist auch die doppelte Symbolisierung, die wir bei ihm finden: in
der „Frau vom Meere" der Seelenzustand eines Menschen, symbolisiert
durch die Anziehungskraft des Meeres, und diese Anziehungskraft wie-
derum symbolisiert durch die Gestalt eines Menschen. Oder — die
seelische Verfassung wird zunächst symbolisiert durch den Drang nach
dem Fernen, Weiten, und dieses dann wiederum durch das Meer und
Gebirge. Ferner — die an sich bereits symbolische Handlung in „Wenn
wir Toten erwachen" wird dann noch einmal in einem symbolischen
Kunstwerk innerhalb des Kunstwerks versinnbildlicht. Ja, wir können
hier sogar eigentlich von einer dreifachen Symbolik sprechen; denn eine
doppelte läge bereits vor, wenn ein in sich nicht direkt symbolisches
Bildwerk — etwa die Gestalt eines Menschen oder ein Landschafts-
motiv — verwendet wäre. Da es aber der „Auferstehungstag" ist, so
ergibt sich hier eine Steigerung des Symbolischen in die dritte Dimension.

Man hat sich bereits derart daran gewöhnt, von Ibsen nur Sym-
bolisches zu erwarten, daß seine Deuter dadurch zuweilen versucht wer-
den, auch da Symbole zu vermuten, wo sicherlich keine liegen. So sieht
der französische Ibsenbiograph Ehrhard in Hedda Gabler den Geist
des Bösen im Kampfe mit dem Fortschritt und faßt in diesem Sinne das
Verbrennen von Eyjlert Löwborgs Manuskript symbolisch auf. Diese
Deutung ist sicherlich gesucht — vielleicht schon deshalb, weil Ibsen
hier in keiner Weise auf diese Art der Deutung hingewiesen hat, was
seiner ganzen sonstigen Gepflogenheit widerspräche. Aber ein Dichter
wie Ibsen kann seine Deuter schon auf solche Abwege führen.

Die Tatsache, daß bei Ibsen niemals Gedanke und Bild gleichzeitig
auftreten, sondern einander folgen, so daß seine Symbole manchmal
bedenklich die Allegorie streifen, bringt ihn dann auch nicht selten in
die Gefahr, schlechte Symbole zu wählen, d. h. solche, bei denen sich
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