Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BEMERKUNGEN.

anders beurteilt und eine weitere auffallende literarische Durchgestaltung nicht vor-
lag. Bei andern Gattungen der Dichtung, wo eine solche vor ihm da war, nimmt
auch seine Darstellung irgendwie darauf Rücksicht; das zeigt u. a. die nicht ganz
klare Stelle über die Parodien des Hegemon (c. 2, § 5). Wir wissen aus Athenaeus
(IX p. 407), daß diese Parodien z. T. auch auf der Bühne zur Aufführung kamen.
Auch das waren wohl nur höher entwickelte satirisch-mimische Spiele, aber der
Name ist niemals auf sie angewendet worden. So „bühnenfähig" aber der Mirrius
von Hause ist, dramatisch hat ihn erst Aischylos gemacht. Er hat alle keimhaft in
der primitiven Kunstübung (mit ihren Stimmungswechseln, ihren Überraschungen,
ihrer von einer Ebene zur andern forteilenden Bewegung) liegenden Möglichkeiten
ausgeschöpft und seiner großen Vision dienstbar gemacht. Die Größe des litera-
rischen Schöpfers besteht immer darin, daß er vorhandene Formen der zeugerischen
Idee (hier des Dramas) zubiegt, nicht darin, daß er sie ganz neu erfindet! So schaf-
fen die großen Genies der Weltliteratur nun- und nimmermehr (am wenigsten etwa
ein Goethe), daß sie eine noch nicht vorhandene Kunstform oder ihr bezeichnendstes
und wirksamstes Mittel blank und klar aus dem Nichts hervorrufen. Im Ergreifen,
im geistigen Durchdringen und im Hinbilden des Vorhandenen auf ein großes vor-
schwebendes Ziel besteht ein für alle Mal ihre schöpferische Leistung.
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