Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BESPRECHUNGEN.

Das Verdienst der vorliegenden Schrift liegt jedoch an einer anderen Stelle: Sie
ist im besten Sinne eine anschauliche Einführung in Hegels Ästhetik und gibt an
vielen gut gewählten Beispielen ein klares Bild von der Problemstellung und Ge-
dankentiefe dieser Kunstphilosophie.

Berlin. Hans Wenke.

Erich Everth: Conrad Ferdinand Meyer. Dichtung und Persön-
lichkeit. Dresden, Sibyllen-Verlag, 1924. 363 S.

In die während des letzten Jahrzehnts an umfangreichen Werken beträchtlich
angewachsene Meyer-Literatur tritt mit E v e r t h s vorliegendem Buch eine Schrift
von Eigenart und Stärke. Hat der Sibyllen-Verlag, Dresden, vor Jahren über die
Technik eines der größten Dramatiker der Weltliteratur, über Ibsen, die feinsinnig
in alle Einzelheiten dringende Untersuchung von Jacobs herausgebracht!), so legt
er hier eine nicht minder eingehende stilistische Erfassung eines der für alle
Zeiten großartigsten Epiker vor. Das Buch ist mit ästhetischer Sorgfalt ausgestat-
tet und mit dem Lichtbild des eindrucksvollen Bermannschen Meyer-Kopfes ge-
schmückt. Der Verfasser, Professor der Zeitungskunde an der Universität Leipzig,
setzt es sich zum Ziel, darstellend, nicht erklärend und nicht kritisch, das dichterische
Werk Meyers in seinen wesentlichen Zügen zu erfassen. Des Dichters Persönlichkeit
soll dabei nur soweit herangezogen werden, als es zur Kennzeichnung der Dichtung
notwendig ist; und in der Tat wirkt die in dem Schlußabschnitt „Geistesart" kurz
umrissene Kennzeichnung des Menschen Meyer nur wie eine menschliche Bestäti-
gung der im übrigen Buch aufgezeigten, nur aus den Dichtungen selbst gewonnenen
Wesenszüge von Meyers dichterischem Werk.

Everth setzt die Kenntnis von Meyers Dichtungen wie billig voraus; keine
Inhaltsangaben werden gegeben, keine einzelne Dichtung im Ganzen besprochen. An
Hand vielmehr von Begriffen wie Anschaulichkeit, Knappheit, Verhaltenheit, Ge-
bärde, Landschaft, Starke Naturen, Diskretion und vieler anderer wird Meyers
epischer Gesamtstil nach Betrachtungsgruppen wie: Die Symbolik der Sprache,
Bildkraft, Menschen-Heilige-Helden, Episches Naturell, Geschichte, Das Geheimnis
der Mischung, Seelische Haltung zergliedert, um aus der Fülle solcher Einzelbeob-
achtungen einen Gesamteindruck erwachsen zu lassen. Die Aufgabe jenes stilisti-
schen Zergliederns, gelegentlich dessen zahlreiche, höchst treffende Vergleiche zu an-
dern Dichtern von Homer bis Stefan George gezogen werden, löst Everth ebenso
vollkommen, wie er dem Ziel dieses Gesamteindrucks nahekommt. Musterhaft
scheint mir — und vorbildlich sowohl für gleichartige Untersuchungen wie für die
Anleitung zum sachgemäßen Begreifen und Genießen von Dichtungen — die Art,
wie der Verfasser Meyers Sprache und Komposition in tausend Einzelheiten um den
dichterischen Sinn befragt und dabei zugleich Meyers Eigenart von der anderer
Epiker abhebt. Auf Schritt und Tritt findet man höchst wertvolle Einzelbeobachtun-
gen und selten nur hat man den Eindruck, den Verfasser haben Liebe und Begei-
sterung verleitet, mehr zu finden, als wirklich da ist, oder Beobachtungen seiner
Gesamtkennzeichnung zuliebe zu pressen. So vermag ich z. B. nicht nachzufühlen,
warum etwa der Wortlaut: „Dröhnen, das den Boden schüttert" oder: „er wischte
mit der Hand einen Schweißtropfen", wie der Verfasser behauptet, „schaubarer"
sei, als wenn Meyer „e r schü'ttert" und „wischte — a b" geschrieben hätte. In

i) Jacobs, Monty: Ibsens Bühnentechnik. Dresden, Sibyllen-Verlag, 1920.
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