Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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BESPRECHUNGEN.

Wicklungsgeschichte des Aristoteles bieten, fast ganz ungenützt geblieben sind, liegt
gleichfalls in der Konsequenz des Verfahrens. — Sv.s Material ist reich; es ist
staunenswert, was er alles aus Aristoteles selbst, aus voraristotelischer und nach-
aristotelischer Literatur als Parallele oder dgl. anzuführen weiß. Ja, der Haupt-
wert des Buches wird darin liegen, daß es den auf diesem Gebiete Forschenden
auf Schritt und Tritt auf Stellen hinweist, die er leicht zum Schaden seiner Arbeit
übersehen könnte. Das ist immerhin ein Verdienst, das die aufgewiesenen Schwä-
chen bis zu einem gewissen Grade vergessen läßt. Hoffentlich kann bei einer der-
artigen Benutzung des Buches die detaillierte Inhaltsangabe am Schluß die fehlenden
Sach- und Stellenregister ersetzen.

Bonn a. Rhein. Friedrich Solmsen.

Julius Mitrovitsch, Geschichte der ästhetischen Literatur
in Ungarn. Debrecen-Budapest 1928. 448 und VII.

Obwohl der ungarische Geist bis heute scheinbar nichts Hervorragendes für die
„Weltphilosophie" geleistet hat (denn die neuesten bedeutenden Systeme von weiland
K. Böhm und dem jetzt wirkenden A. Pauler sind noch zu wenig bekannt, um entspre-
chende Wirkung ausüben zu können), so hängt dies viel eher mit der politischen
Geschichte Ungarns, mit seinen infolge der fortwährenden religiösen und Tü: ken-
kriege ungünstigen Kulturzuständen zusammen und mit seiner isolierten Sprache,
als damit, daß das Ungartum, wie man oft gemeint hat, mehr dem Konkreten und
Praktischen als der tiefer schürfenden philosophischen Spekulation zuneigt. Wir
brauchen beispielsweise nur auf das staatsphilosophische Werk von dem Freiherrn
Josef v. Eötvös (Die Leitideen des XIX. Jahrh. im Staate) oder auf das dramatische
Gedicht von Madäch (Die Tragödie des Menschen), welches eigentlich geschichts-
philosophische Ideen enthält, hinzuweisen, welche zur Genüge zeigen, daß die gro-
ßen ungarischen Geisteshelden den höchsten Welt- und Lebensproblemen durchaus
nicht ferne stehen.

Und wenn auch in den vergangenen Jahrhunderten bis über die Mitte des
XIX. Jahrhunderts kein wirklich ursprünglicher Denker auftrat, so haben doch be-
reits seit dem XVII. Jahrhundert alle bedeutenden philosophischen Strömungen
Europas: Descartes, Bacon, Kant, Hegel, Schelling, Comte etc. zahlreichen Anklang
und begeisterte Anhänger in Ungarn gefunden.

Von den philosophischen Disziplinen aber ist es neben der Psychologie, Rechts-
philosophie und seit etwa 3 Dezennien der Soziologie hauptsächlich die Ä s t h e t i k,
für welche die unga ischen Denker besondere Empfänglichkeit an den Tag legten.

Es ist daher ein bedeutendes Verdienst des Universitätsprofessors J. Mitrovitsch,
der selbst ein hervorragender Vertreter der psychologisch orientierten ungarischen
Ästhetik ist, daß er die ästhetischen Bewegungen Ungarns in einem wohlbeleibten
Bande zusammengefaßt hat, in welchem er den ganzen, beträchtlichen Stoff mit
methodischer Genauigkeit, objektiver Kritik und klarer Darstellung uns vorführt
und uns somit mit einem ansehnlichen Stück ungarischer Geistesgeschichte seit dem
Ende des XVIII. Jahrhunderts bekanntmacht.

Ein allgemeines Merkmal der ungarischen ästhetischen Literatur ist, daß hier von
einer organischen Entwicklung kaum die Rede sein kann. Die Sachlage ist nämlich
gewöhnlich die, daß ein ungarischer Denker von einem neuen ausländischen, besonders
deutschen Gedanken oder System ergriffen wird und dieses auf seine Weise inter-
pretiert, ohne sich um frühere Bestrebungen zu kümmern. Und bevor dieses ver-
öffentlichte System wirken könnte, entsteht ein neueres auf ähnliche Art. Als man
sich nämlich in Ungarn wissenschaftlich mit Ästhetik zu befassen begann, war diese
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