Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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Gegensatz zu vielen andern methodologischen Schriften will hier nicht einer das
Schwimmen lernen, der selbst nie im Wasser war; vielmehr wird der Leser mitten
hineingeführt in die moderne Forschung, und überall kann der Verfasser auf eigne
Arbeit verweisen. So ist das Buch eine vorzügliche Einführung in die moderne psy-
chologische Kunstforschung.

Berlin-Halensee. Richard Müller-Freienfels.

Rudolf Odebrecht, Gefühl und schöpferische Gestaltung. Leit-
gedanken zu einer Philosophie der Kunst. Reuther & Reichard, Berlin, 1929. 67 S.

Dem ersten Band seiner „Grundlegung einer ästhetischen Werttheorie" läßt hier
der Verf. eine knappe Zusammenfassung seiner Ästhetik folgen. Das Eigentüm-
liche dieser Theorie besteht in erster Linie darin, daß sie nach einer objektiven Ge-
setzlichkeit künstlerischer Gestaltung sucht, daß sie aber dieses ästhetische Apriori
nicht in der bildhaften Gegenständlichkeit sondern im Gefühlsleben findet. O. be-
müht sich, eine von allen anderen emotionalen Zusiändlichkeiten spezifisch unter-
schiedene „schöpferische" Gefühlslage phänomenologisch zur Anschauung zu brin-
gen. Bei der wohl unüberwindlichen Schwierigkeit, innerhalb der Gefühlsarten be-
stimmte Abgrenzungen festzusetzen, nimmt es nicht wunder, daß diese Bemühung
nicht in allen Punkten glückt. Die von verschiedenen Seiten augreifende Charak-
teristik reduziert sich im wesentlichen auf das eine Merkmal einer gewissen „Ganz-
heitlichkeit". Diese ganzheitliche Gefühlsstruktur wird unterschieden einmal von
dem emotional indifferenten Haben einer Ordnungsganzheit im theoretischen Er-
fassen; ferner von der Gestaltung des Gesamtgefühls unter einem dominierenden
und ausstrahlenden Gefühlszentrum (z. B. dem Melancholischen, Dämonischen).
Das die Ganzheit stiftende Moment soll nicht selbst wieder ein irgendwie teilhaftes
Gefühl sein, „sondern ein richtunggebender Faktor auf stimmungsmäßige Ganzheit,
der weder selbst gegenstandsgerichtet ist, noch mit dem einzelnen Gefühl, in dem
er wirkt, etwas gemein hat" (S. 9). In dem einzelnen Gefühlsstrahl soll dieser
eigentümliche Charakter der Ganzheitlichkeit als „regionales Moment", als ihm an-
hangender „regionaler Parameter" miterlebt werden; und andererseits soll die „ge-
schichtete" Ganzheit „jede Gefühlsregung potentialiter in sich tragen" (S. 5, 10).
Man dürfte also wohl von einer monadischen Struktur des schöpferischen Gefühls-
zustandes sprechen, die, wie der Verf. sich im Anschluß an Kant ausdrückt, als
eine bestimmte „Proportion der Gemütskräfte" erlebt wird. Soweit bleibt die Cha-
rakteristik im Rahmen einer Phänomenologie der Gefühle. Mit einer weiteren, gleich-
falls bei Kant angelegten Bestimmung überschreitet sie diesen methodischen Bezirk
im Sinne einer Metaphysik der Persönlichkeit. Das Geschichtetsein der schöpfe-
rischen Gefühlsgestaltung wird als eine „Wertschichtung" verstanden, in der sich
die „Idee des individuellen Gesetzes" entfaltet. So wird in einem mit der humani-
stischen Ästhetik Humboldts und Schillers ve. wandten Sinne das ästhetische Er-
leben mit dem Bildungsgedanken verknüpft: „Das Ethos der Persönlichkeit wird
im ästhetischen Erlebnis begründet" (S. 26).

Auch mit diesen ethisch-metaphysischen Zügen bleibt die Betrachtung innerhalb
der personalen und interpersonalen Sphäre. Das Herausstellen der erlebten Indi-
vidualgesetzlichkeit im künstlerischen Symbol erscheint danach als „Selbstanschau-
ung" (S. 31), das ästhetische Nacherleben des Nichtschöpferischen als ein Ver-
slehen der fremdseelischen Ordnungsganzheit, welches zugleich in einem mit einer
»mystischen Vermählung" abschließenden Kampf auf das Zentrum des eigenen Ich
hinleitet (S. 37). Diesen inneren Vorgängen gegenüber ist das Gegenständlich-Bild-
hafte des Kunstwerks sekundär, „die versinnlichte Funktion des Totalitätserlebnis-
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