Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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BESPRECHUNGEN.

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ein genaueres Wiedererkennen der Farben. Dagegen die Dunkeleinstellung drängt
zu schematisierender und gegenständlich gebundener Farbgebung." So Krueger in
einer Übersicht über die Untersuchung Ehrlers. Dieses Vorgehen scheint mir bei-
fallswürdig, obwohl ich nicht glaube, daß man auf solchem Wege bis zum Herz-
punkt der Kunst gelangt.

Berlin. Max Dessoir.

von Kries, Johannes: Wer ist musikalisch? Gedanken zur Psycho-
logie der Tonkunst mit zwei Abbildungen und zehn Notenbeispielen. X und 154
Seiten 8°. Berlin. Verlag von Julius Springer. 1926.

Diese kleine Schrift will ähnliches, wie die bekannten Abhandlungen Hanslicks
(vom Musikalisch-Schönen) und Billroths (wer ist musikalisch?) ist aber gehalt-
voller und systematisch geordneter als die beiden genannten älteren Gelegenheits-
schriften. Kries strebt Kürze vereint mit Faßlichkeit der Darstellung an — ein
hohes, schwer erreichbares Ziel. Wo der Weg durch die geheimnisvollsten Gründe
unseres Bewußtseins läuft, da wird Sich-kurz-Fassen oft: darüber-hinweg-gehen
heißen.

Der populäre Titel zeigt nicht sogleich, daß der Verfasser über eine „sympto-
matische" Beschreibung der Musikalität des Individuums hinaus zu einer Darlegung
der Wurzeln des musikalischen Bewußtseins überhaupt vorzudringen sucht, soweit
das der knappe Umfang der Arbeit überhaupt zuläßt. Die Tendenz aufs System
hin verleiht dieser Schrift Charakter und Wert.

Kries ist als Physiologe, Schuldenker und Musikfreund mehrfach berufen,
aus der Flut der neuen Beobachtungen und Ideen, welche die Forschungen des letzten
Menschenalters auf diesem Felde herbeitrugen, das Wesentliche zu sichten. Seine
beherrschten und gelassenen Darlegungen werden den Liebhaber der Musik bisweilen
ernüchtern. Dort, wo man diese Ruhe und Selbstverständlichkeit als ein Vermeiden
der eigentlichen Schwierigkeiten erkennt, berühren sie auch den Kenner so. Das fiel
mir als Musiker zunächst bei der Darstellung des Kompositionsvorganges auf, also
bei der Frage: wie errichtet man in der Tonfolge einen Tonraumorganismus? In diesen
Gestaltungsakten liegen der Kern und die entscheidenden Kennzeichen der Musi-
kalität verborgen und hier setzt Ratlosigkeit bei allen Darstellungen ein, mögen sie
von erkenntniskritischen oder sensualistischen Denkern, physiologischen Psycholo-
gen oder Musikern stammen.

*

Kries behandelt seine Aufgabe in sechs Kapiteln. An den Anfang stellt er die
„intellektuelle Verarbeitung des Gehörte n". Hier soll das produk-
tive Bearbeiten wie das rezeptive Verarbeiten abstrakter (einfühlungsfreier)
Musik skizziert werden. Es ist kein geringes Verdienst des Verfassers, daß
er das gegenstandschaffende (nicht das zustandschätzende) Bewußtsein auch für die
künstlerische Gestaltung als grundlegend ansieht und voranstellt. Zur Errichtung
eines musikalischen Erscheinungskomplexes bedürfen wir begreiflicherweise der glei-
chen Bestimmungs- und Strebeleistungen, die uns überhaupt zur geformten Erschei-
nung führen. Das Ersondern und Verknüpfen von Elementen wird durch von Kries als
die Grundbedingung auch der musikalischen Gestaltung erkannt. Wiederaufspüren
des Verklungenen, um es mit dem gegenwärtig Klingenden zu verknüpfen, Voraus-
spüren vom momentan Klingenden aus ins Kommende hinein, also ein Erahnen und
Erhören der musikalischen Totalgebärde, ihr Verdichten zur tonräumlichen Gestalt,
darin (— also im Intellekt —) liegt Anfang und Ende des musiktechnischen
Schaffens.
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