Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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BESPRECHUNGEN.

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vermittelnden Gebiete: Historie und Philosophie. Die Doppelheit der Glieder auf
jeder der vier Stufen ergibt sich aus der Dualität von Gegenstandsbewußtsein und
Ichbewußtsein, theoretischem und praktischem Ich. Dem Primat des letzteren ent-
sprechend kommt jeweils dem Gebiete, das das Selbstbewußtsein gegenüber dem
Weltbewußtsein repräsentiert, der höhere Versöhnungsgehalt zu. Die Stellung der
Kunst ist danach durch das Verhältnis zu drei angrenzenden Sphären charakte-
risiert. Sie nimmt einmal die Funktion der Wissenschaft (Naturwissenschaft) auf
einer höheren Stufe wieder auf, indem sie die von dem generalisierenden Begriff
übergangene Individualität mit ihrer „Schönschau" zum „Bild der Welt" erhebt,
freilich als „Schein", unter Verzicht auf den Allgemeinheitsanspruch des Begriffes.
Auf der nächstfolgenden Stufe entspricht ihr die Historie, die mit der Welthaftig-
keit des Individuell-erfaßten theoretisch Ernst macht, dabei aber auf den Charakter
der Vollendung, den das Kunstwerk in Anspruch nimmt, Verzicht tun muß. Endlich
gehört die Kunst nach der verschmelzend-intuitiven Form der von ihr geleisteten
Versöhnung zur Religion. In der Religion steigert sich das praktische Ich, im Staat
zu einer noch immer partikulären und nur den Bürger, nicht den Menschen um-
fassenden Gesamtperson geformt, zur göttlichen Allperson. Sie ist also eine Form
des Ichbewußtseins. Im Gegensatz dazu überwiegt in der Kunst das Weltbewußt-
sein. Sie schafft das Werk, das sich gegenständlich vor das Bewußtsein stellt. Aber
diese Gegenständlichkeit ist nicht im Sinne der Dinghaftigkeit zu verstehen. Das
Ichbewußtsein geht in sie ein, und zwar nicht nur nach seinem allgemeinen kate-
gorialen Charakter, sondern als das besondere erlebende Ich des Künstlers. Jeder
mögliche Erlebnisinhalt kann zum künstlerischen Inhalt werden: „das Bild der
Welt wird zum Bilde des Lebens" (S. 157).

Der Verf. gelangt so zu einer „Gehaltsästhetik", die aber darum die Form nicht
als unwesentlich ausschließt, sondern sie als Formung eines universalen Gehaltes,
des sich dialektisch entfaltenden Geistes, begreift. Dieser Gehalt, nach seinem all-
gemeinen Sinn die kulturfunktionale Eingliederung der Kunst bewirkend, wird aber
als ein jeweils geschichtlich bestimmter Gehalt verstanden werden müssen, und erst
auf dem Hintergrund einer historischen Anschauung könnte das kulturelle Aufbau-
schema Leben gewinnen. Tatsächlich fordert K. als Ergänzung seiner Formenlehre
der Selbstverwirklichung des Geistes eine philosophische Universalhistorie. K. denkt
ihr Prinzip als die jedem Kulturgebiet innewohnende Tendenz, „sich zum alleinigen,
zum beherrschenden, zum Universalgebiete der Kultur" zu machen (S. 87). Da-
neben tritt der Gedanke einer philosophischen Synthese von „antiker Kunstkultur"
und „christlicher Religionskultur" (S. 123). Von der Fruchtbarkeit dieser Verbin-
dung systematischer und historischer Gesichtspunkte wird es schließlich abhängen,
ob die Kunstwissenschaft imstande sein wird, aus den Leitbegriffen, die ihr der
vorliegende Grundriß eines Systems der Kultur an die Hand gibt, Nutzen zu ziehen.

Berlin. Helmut Kuhn.

Jahrbuch der Charakterologie, herausgegeben von Emil U t i t z.
Band 5, 1928 und Band 6, 1929. Verlag Rolf Heise (Pan-Verlag), Char-
lottenburg.

Wiederum bergen die „Jahrbücher" einen überaus reichen und vielseitigen In-
halt; bei der Fülle des Stoffes bleibt bloß die Möglichkeit kurzer Enumeration.

Müller-Freienfels untersucht die Problematik der Begriffe Indivi-
dualität und Typus. Alles Existierende ist sowohl Individuum als auch
Repräsentanz eines Allgemeinen, eines „Universale". Hierin gründet der tiefe
Gegensatz zwischen Piatonikern und Aristotelikern, der im Mittelalter noch
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