Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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BESPRECHUNGEN.

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1. t. r. als Freiheit in der Wiedergabe der rhythmischen Quantität,

2. t. r. als Freiheit in der Wiedergabe der rhythmischen Qualität,

3. t. r. als Freiheit in der Durchführung des Zeitmaßes (tempo).

Die jeweilige Bedeutung des Begriffes richtet sich naturgemäß nach der Zeit
und ihrer Kultur. Vor allem hängt sie davon ab, wie weit die Zeit individuelle
Freiheit überhaupt zugesteht.

Das t. r. erster Art (Tempo wird hier noch im Sinn von Tempus, Dauer einer
Note, verstanden) ist ausschließlich auf kantable Sätze anwendbar. Es wird daher
von der Vokalmusik bevorzugt. Die freie Verteilung der Notenwerte über einem
Baß in gleichmäßigem Zeitmaß ist dem grazilen, elegischen und sanften Element
in der Musik günstig.

Dagegen hat die zweite Art des t. r. einen sehr männlichen kraftvollen Charak-
ter, der sich in der Instrumentalmusik auswirkt. Es handelt sich hier um Verschie-
bung des Rhythmus durch Umkehrung der Betonung, die oft schon in der Kom-
position gegeben ist (s. den häufigen Pseudo-Taktwechsel im Haydn'schen Menuett).
Der Verfasser erwartet von der Entwicklung der Rhythmik, daß das t. r. zweiter
Art noch steigende Bedeutung erlangen wird. Wir glauben, daß Ansätze hierzu
im Jazz und seinem Einfluß auf die moderne Rhythmik bereits vorhanden sind.

Chopin, der alle drei Arten des t. r. verwendete, verlegte als Erster die Bedeu-
tung des Begriffes auf die schon lange bekannte Tempo-Modifikation, die vom Ver-
fasser als t. r. dritter Art genannt wird. Diese Auffassung des t. r. eignet jeder
Art von Musik.

Der Verfasser weist darauf hin, daß zwar ein genaues Einhalten des Zeitmaßes
physisch unmöglich ist, daß die daraus entstehenden Freiheiten aber noch kein t. r.
ergeben. Er definiert: »Das tempo rubato ist ein bewußtes, jedoch durch unwill-
kürliche Impulse seinem Wesen und seiner Stärke nach vorgezeichnetes Abweichen
vom taktischen Gleichmaß oder vom herrschenden tempo (oder von beiden zu-
gleich)«. Die trotz geringen Umfangs gründliche historische Darstellung beginnt
bei Cerone und Tosi und bringt in ihrem Verlauf reichlich Zitate und Notenbeispiele.
Hoffentlich wird die klare Arbeit als (bisher fehlende) Grundlage für mehr speziali-
sierte Studien auf diesem Gebiet noch oft benutzt werden.

Berlin-Lichterfelde. Clara Körner.

Werner Günther, Probleme der Rededarstellung. Unter-
suchungen zur direkten, indirekten und „erlebten"
Rede im Deutschen, Französischen und Italienischen,
Marburg a. d. Lahn, N. G. Elwert'sche Verlagsbuchhandlung, 1928. (Die neueren
Sprachen, Beiheft Nr. 13.)

Nichts ist schwerer als die sprachliche Verständigung zwischen Menschen. Mit
einem und demselben Ausdrucksgebilde meint der eine dies, der andere jenes, aus
einem und demselben Satze liest e i n Leser tiefen Sinn, ein zweiter vollendeten
Nicht sinn. Auf S. 71 des hier vorliegenden Buches liest man z. B. folgende Fest-
stellung: „Kleists Novellen jagen still und kalt und doch sturmartig gepeitscht dahin,
sie stehen zeitlos und ohne jede Beziehung zur Umwelt im Räume, kompakte Massen
hinausgeschleudert aus einem gequälten Geist." So viele Worte, so viele Wider-
sprüche, soviel Widersinn fast. Wer kann ein Gebilde denken, das gleich-
zeitig still und doch sturmartig gepeitscht dahinjagt, gleichzeitig
dahin jagt und doch zeitlos (!) im Räume steht, gleichzeitig steht und
doch hinaus g e s c h 1 e u d e r t ist? Gleichwohl gibt der Satz eine eindrucksvolle
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