Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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BESPRECHUNGEN.

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So ist das „Präludium zur Poesie" zwar eine ungemein feinsinnige Weltschau,
in der entscheidende Deutungszentren des Dichterischen begrifflichen Halt gewin-
nen. Das Buch entgeht aber andrerseits nicht ganz der Versuchung, für objektiv
verschiedene Seinsweisen ästhetisch andersartiger Dichtungsgattungen allgemein
menschliche Erscheinungsformen als erschöpfende Wesenserklärung zu setzen.

Berlin. Ferdinand Junghans.

Helmut Küpper, jean Pauls W u z. Max Niemeyer-Verlag, Halle, 1928.

Lessing sagt in der Einleitung zu seinem „Sophokles": „Nun denke ich keine
Mühe ist vergebens, die einem andern Mühe ersparen kann. Ich habe das Unnütze
nicht unnützlich gelesen, wenn es von nun an dieser oder jener nicht weiter lesen
darf. Ich kann nicht bewundert werden, aber ich werde Dank verdienen. Und die
Vorstellung Dank zu verdienen, muß eben so angenehm sein als die Vorstellung be-
wundert zu werden, oder wir hätten keine Grammatiker, keine Literatoren." In die-
sem schönen Sinne hat sich Helmut Küpper mit seinen Betrachtungen über Jean
Pauls Wuz gewiß Dank verdient. Erstens weil er uns durch sachkundige Zusammen-
stellung und Vergleichung des zugehörigen literarischen Materials Arbeit erspart,
zweitens weil er uns das Lesen des Wuz noch lieber macht.

Küpper gibt zunächst einen Überblick über die Entwicklung der deutschen
Idylle im 18. Jahrhundert von Gottscheds Theorie bis zu Goethes Hermann und
Dorothea und stellt fest, daß „Jean Pauls Erzählung in der Entwicklung der deut-
schen Idyllendichtung etwas ganz Neues darstellt". Dann untersucht Küpper „Form
und Gestalt des Idyllischen im Wuz", wobei er zu dem wichtigen Ergebnis kommt,
daß Jean Paul mit dem Wuz der Absicht nach eine ganz bestimmte Kunstaufgabe
habe lösen wollen — die Darstellung des Vollglücks in der Beschränkung — und
daß er bei der Lösung dieser Aufgabe mit hohem Kunstverstand und außerordent-
licher Treffsicherheit in der Wahl und Anwendung der ihm zur Verfügung stehen-
den Mittel verfahren sei. Mit dieser Betrachtungsweise ist vielleicht sogar der
Angelpunkt einer Darstellung des Jean Paulschen Werkes gegeben, die die Inangriff-
nahme einer fast noch vollkommen unbearbeiteten Aufgabe ermöglicht: der näm-
lich, die Dichtung Jean Pauls nicht nur als Darstellung ihres Gehaltes zu fassen,
sondern als dichterischen Gestaltungsvorgang, nicht nur als notwendigen Ausdruck,
sondern auch als künstlerisches Können. Küpper hat hier manches sehr fein ge-
sehen und richtig getroffen, ohne natürlich im Rahmen seiner Aufgabe für das ge-
samte Werk Jean Pauls mehr als Ansätze geben zu können. Diese Ansätze frei-
lich überzeugen und eröffnen Einblicke in das Schaffen Jean Pauls. Sie zeigen, wie
Jean Paul das Ganze des Wuz von dem Mittelpunkt seiner Aufgabe aus sozusagen
durchkonstruierte, wie er in weiser Beschränkung größere dichterische Mächte, die'
beim Schaffen hervorbrechen wollten, zurückdrängte, um die Zeichnung des idyl-
lischen Kreises nicht zu stören. Vor allem lernen wir Wuz nun erst ganz begrei-
fen als Verkörperung einer durch vollkommenste (auch eigennützige!) Beschrän-
kung und Beschränktheit erkauften Glückseligkeit, einer Glückseligkeit wie sie als
Seelenwollust für Jean Paul selbst so bedeutsam war. Mit dem Wuz schied sie
Jean Paul als im Alltag verwirklichbare Außenwelt scharf und klar von sich ab,
indem er ihr die Enge eines Daseins verlieh, von dem er nun wußte, daß es einzig
eine solche Glückseligkeit reifen lassen könne. Er selbst dagegen mußte in die leid-
volle Erfüllung einer höheren und weiteren dichterischen Welt eingehen. Den Ge-
staltungsprozeß dieser Abscheidung, der bisher kaum noch richtig gewürdigt wurde,
hat Küpper erkannt und sichtbar zu machen gewußt.
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