Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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Besprechungen.

Friedrich Ueberwegs Grundriß der Geschichte der Philo-
sophie, 5. Teil. Die Philosophie des Auslandes vom Beginn des 19. Jahr-
hunderts bis auf die Gegenwart. 12. Auflage, Berlin 1928 verlegt bei E. S.
Mittler u. Sohn.

Es muß zunächst hervorgehoben werden, daß die russische Philosophie — aus
Gründen, die hier nicht dargelegt zu werden brauchen — in diesem Bande nur
kurz und in ihrer neuesten Gestalt gar nicht geschildert wird. Das ist deshalb zu
bedauern, weil gerade die Ästhetik neuerdings in Rußland gefördert wird, teils
durch experimentelle Untersuchungen (z. B. im Psychologischen Institut des Prof.
Korniloff) teils durch eine Soziologie der Kunst, die natürlich auf der Unterbau-
Überbau-Lehre des Marxismus ruht. — Bekannter ist die Entwickelung der franzö-
sischen Ästhetik. Es sei an Taine erinnert, der die künstlerische Schöpfung auf
eine Mechanik im Geist des Einzelnen oder einer Gruppe zurückführt und sie an
die vorhergehenden sowie gleichzeitigen Umstände (Milieu) bindet. Ribots imagi-
nation creatrice muß genannt werden, ebenso Guyons blendende Darstellung eines
Zusammenhangs zwischen dem ästhetischen Genuß und dem lebendigen Wesen der
Dinge. Bei Bergson genügt die Erwähnung des Namens. Nicht viel ergiebiger ist
die Auslese aus der englischen Philosophie. Spencers Lehre von der ästhetischen
Tätigkeit als einem Spieltrieb, Galtons „generic images", Grant Allens Unter-
suchungen über die Entwicklung der Farbenempfindungen, Bosanquets Geschichte
der Ästhetik — das ist alles, wenn man nicht auch Carlyle und Ruskin zu den
Philosophen rechnet (was ich allerdings gerechtfertigt finden würde). — Unter
den Italienern ragt Benedetto Croce hervor, unter den Schweden Albert Nilsson;
die finnische Ästhetik ist vertreten durch Hirn und Laurila; aus Dänemark sind drei
so verschiedene Männer zu nennen wie Kierkegaard, Brandes und Höffding; der
Norweger Klausen und der Pole Wize sind uns durch Veröffentlichungen in dieser
Zeitschrift bekannt geworden. — Eine verhältnismäßig rege Tätigkeit auf unserem
Gebiete ist in Ungarn festzustellen: sie reicht von Greguss (1825—1882) über
Beöthy u. A. bis zu Negyesy und Brandenstein; das gleiche gilt von Spanien, dessen
bedeutendste Ästhetiker Menendez y Pelayo und Urries y Azära sind. — Die
amerikanische Ästhetik hat es zu beträchtlichen Leistungen gebracht in den Büchern
von Raymond, Marshall, Santayana und Parker.

Berlin. Max Dessoir.

Friedrich Kreis, Der kunstgeschichtliche Gegenstand. Ein
Beitrag zur Deutung des Slilbegriffes. Stuttgart, Ferd. Enke 1928. 46 Seiten.
Der vorliegende Versuch, die Kunstgeschichte als „Geschichte der formalen
stilistischen Probleme" (S. 45) mittels der Kategorien von Rickerts Geschichts-
methodologie zu rechtfertigen, zeigt die Beziehungen der beiden unabhängig von
einander entstandenen Denkrichtungen — der formalen Wertphilosophie und einer
zuerst von Fiedler und Hildebrand entwickelten Betrachtung der bildenden Kunst —
in einer neuen interessanten Beleuchtung.
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