Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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BESPRECHUNGEN.

Der moderne Mensch hat mit dem
Wandern zugleich die Fähigkeit des Ton-
Wanderns verlernt; er erlebt nur noch
die Haltestellen — als Feststellung, Wis-
sen —, nicht aber den Weg.

Die Kunstauffassung, welche Musik
als Bewegtes miterlebt, faßt die Klein-
ereignisse sowohl für sich in ihrem Be-
wegungsinhalt, wie auch als Teile des
Qesamtablaufs. — Sie sieht ebenso das
Generelle des Gesamtablaufs (wozu die
Analyse sie befähigt) wie das Indivi-
duelle der Einzelgestaltung."

Berlin-Lichterfelde. Clara Körner.

Oskar Benda: Der gegenwärtige Stand der deutschen Lite-
raturwissenschaft. Eine erste Einführung in ihre Problemlage. Wien-
Leipzig 1928. Hölder-Pichler-Tempsky AG. (66 S.)

Da seit einigen Jahren die neuere deutsche Literaturgeschichte in eine histo-
risch-philologische Phase eingetreten und im Bemühen um den Sprachstil ein neues
Zentrum ihres Fragens und Forschens gefunden hat, überblickt diese gedrängte
Darstellung ihrer Problemlage zwischen etwa 1910 und 1925 eine geschlossene
Epoche von üppiger Fruchtbarkeit und widerspruchsvoller Verworrenheit, ohne
natürlicherweise bei der geringen Distanz zum Gegenstand über sehr allgemein
zusammenfassende Wesenszüge von synthetischem und insbesondere „kollektivisti-
schem" Charakter hinauszugelangen. Dem Romantikbuch J. Petersens und der Mer-
kerschen Übersicht gewiß stark verpflichtet, erreicht der Verf. in reicher und zu-
verlässig strenger Kenntnis der Dinge sein Ziel, „durch das Dickicht der prin-
zipiellen methodischen und sachlichen Meinungsverschiedenheiten in der gegenwär-
tigen Literaturforschung ... nach den Hauptrichtungen orientierte Lichtungen zu
schlagen". Der Vorzug liegt mehr in der Ansicht vom Nebeneinander der
methodischen Forderungen und Leistungen seit der Reaktion auf den Positivismus,
in all den untereinander so verschiedenartigen Versuchen, die gegründet sind auf
die wechselnden Einseitigkeiten im Prinzip der Rasse oder des Volks, des Stam-
mes, der Generation oder der Glaubensgemeinschaft, der Bedingungen in Gesell-
schaft und Wirtschaft, im strukturpsychologischen, psychoanalytischen, kultur-
geschichtlichen, formalästhetischen und geisteswissenschaftlichen Bemühen. Nach
Anlage und Umfang der Übersicht liegt der Hauptwert in der reichen Sammlung
des Materials mehr als in seiner Ordnung oder gar der Charakteristik und Bewer-
tung. Wie die einzelnen Führer auf den verschiedenen Wegen zusammengeordnet,
in Gruppen eingeschachtelt und voneinander abgesperrt werden, ist unbefriedigend
im Falle Gundolfs etwa, der hier in der idealistisch-geistesgeschichtlichen Gruppe
erscheint, von der im engeren Sinne „ästhetischen", um die Formprobleme bemühten
getrennt, im Falle R. Ungers als Führer einer „objektiven Problemgeschichte"
gegenüber der „subjektiven" E. Ermatingers mit ihrem „Mut zur Metaphysik" und
ihrer „Deutung aus dem subjektiven Wertleben ... des Forschers". Dazu möge man
die eindringendere Würdigung Ungers in dem Buch von W. Mahrholz „Literar-
geschichte und Literarwissenschaft" vergleichen. Auch scheint mir der „Objekti-

(Klee schildert das Erlebnis der gra-
phischen Formelemente im Verlauf einer
Wanderung durch die Natur.)

„Formelemente der Graphik sind:
Punkte, lineare, flächige und räumliche
Energien.

Die Elemente sollen Formen ergeben,
nur ohne sich dabei zu opfern."
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