Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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BESPRECHUNGEN.

son). So läßt in der Malerei der Kubismus den Raum aus Spaltflächen, der
Expressionismus aus Bewegung hervorgehen — unerwähnt bleibt seltsamerweise
der Futurismus, der das raumzeitliche Erlebnis unmittelbar widerspiegelt —, ein
Gegensatz, der auch durch die Bau- und Bühnenkunst hindurchgeht. Der Verzicht
auf das tonale System und auf die Dur- und Mollharmonie in der Musik und
die Auffassung der Handlung als reines Phantasiespiel in der Dichtung ent-
springen aus dem gleichgerichteten Suchen nach neuen irrationalen Gestaltungs-
und Ausdrucksmöglichkeiten. Die Frage, ob dieser vielleicht mehr aus theoreti-
scher Gedankenbildung als aus dem unmittelbaren Kunstempfinden erwachsene
Stilwandel den Anbruch einer neuen an das Mittelalter und die ostasiatische Kunst
gemahnenden Entwicklung oder eine vorübergehende Zeiterscheinung ist, will ich
mit noch stärkerer Skepsis als der Verfasser offen lassen.

Berlin. Wulff.

Adolf Behne: Eine Stunde Architektur. Mit vielen Abb. Stuttgart
1928. Dr. Fritz Wedekind. 4». 64 S.

Kunstgeschichte als reine Formabwandlung ist nicht nur einmal als Leerlauf
gebrandmarkt worden. Der Beziehung zum Zweck, zur Funktion, zum Gehalt, dem
„Transmissionsriemen" gelten bekanntlich die ernsthaften Bemühungen der neue-
ren Kunstwissenschaft. Behne zäumt das unartige Pferd jetzt einmal am Schwänze
auf: sein einstündiges Kolleg stellt die Architektur allein unter den Gesichtspunkt
des Nutzeffektes, der dem Leben zugewandt ist. Und von da aus heißt „rein ästhe-
tisch urteilen nichts anderes als sich dem Totenkult, dem Fetischismus der Form
unterwerfen". Denn „die historischen Stile waren nicht so sehr Lebensgestaltung,
als Formulierung der Lebenshemmung". Die eigentliche Geschichte der Architektur
sieht er als ständigen Fortschritt in Richtung der zunehmenden Rationalisierung
der menschlichen Gesellschaft: „Unter sachlichem Fortschritt verstehen wir die
immer vollkommenere Anpassung des baulichen Organismus an seine Aufgabe."
In diesem Sinne ist noch eines der luxuriösesten Barockschlösser (Schloß Belvedere
wird beispielhaft analysiert) unkomfortabel und zurückgeblieben gegenüber der zu-
gegeben mangelhaften Mietskaserne des 19. Jahrhunderts.

So wird das Wohnen als ganz neu entstehende Aufgabe begriffen: „Für uns
handelt es sich nicht in erster Linie um Formen, sondern um Funktionen". Von
hier wird die Position des neuen Bauens und Wohnens erobert und die Front gegen
die bisherige Wohnbarbarei mit all ihren Zieraten, Kissen, Vorhängen usw. errich-
tet. „Sind denn nicht alle Greuel und alle Verlogenheiten der Grunewaldvilla in der
Renaissance vorgebildet?"

Immerhin wird der Angriff vorsichtig angesetzt: „Die Vergangenheit zu studieren
ist wichtig und unentbehrlich. Sie glorifizieren, ihr unbesehen ein großes Plus als
Vorzeichen setzen, das ist bedenklich." Aber damit rennt der Verf. eine offene
Tür ein.

Er überspitzt die Gegensätze in pädagogischer Absicht, um das Neue, unsere
Gegenwart schlaglichtartig beleuchten zu können: Erst „durch höchste Sachlichkeit
wurde der Mensch erobert" und die Klarheit und der freie Raum — d. h. Platz —
und die Küche. Denn „der Bau ist das umfassendste Instrument des Menschen".
Auch die Phantasie, soweit sie noch berechtigt sein soll, muß dieser Sachlichkeit
voll und ganz eingeordnet werden, denn es gibt heute nur ein Ziel: „Die Wirklich-
keit als Arbeitsmaterial muß erobert werden."

Man kann zu den architektonischen Gestaltungen unserer Zeit ebenso positiv
stehen wie Behne, ohne sich seine Ableitungen zu eigen zu machen. Man wird trotz-
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