Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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GESELLSCHAFT FÜR ÄSTHETIK.

Gesellschaft für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft.

Der langjährige erste Schriftführer der Gesellschaft, Dr. Werner Wolffheim,
ist am 26. Oktober 1930 gestorben. An seine Stelle tritt der Privatdozent an der
Berliner Universität Herr Dr. Helmut Kuhn, Neubabelsberg bei Berlin, Kaiser-
straße 14 a.

Werner Wolffheim zum Gedächtnis.
Ansprachen, gehalten bei der Einäscherung am 29. Oktober 1930.

Vor einigen Tagen haben wir uns noch die Hände geschüttelt, und Du hast
Deiner Freude Ausdruck gegeben, daß wir uns noch einmal sehen konnten, und
nun liegst Du da, still und stumm, bist dem ehernen Gesetze der Natur ver-
fallen. Alles Irdische ist vergänglich, aber der Geist lebt.

Begnadet war Werner Wolffheim; der Hang zum Schönen war ihm als ein
göttliches Geschenk in die Wiege gelegt worden. Die Liebe zur Musik, die ihn
sein ganzes Leben begleitete, trieb ihn von der Juristerei ab. Die Fragen nach
dem Wie und dem Warum führten ihn der Kunstwissenschaft zu. Aber Dilettanti-
sieren stand ihm fern. Er gab sich in feste Schulung und machte alles mit, wie
der Jüngsten einer, jedoch mit dem Verstände des gereiften Mannes, mit dem
Zielbewußtsein eines nach dem Höchsten Strebenden. Ich hatte das Glück, zu seinen
Lehrern zu gehören, konnte es durch mehr als zwanzig Jahre miterleben, wie ernst
er es mit der Musikwissenschaft meinte. Ich teilte mit ihm die Freuden, die er
an dem Aufbau einer Fachbibliothek hatte. Da zeigte sich seine Liebe zum Buch,
da offenbarte sich der geniale Bibliothekar, der hervorragend tüchtige Fachwissen-
schaftler, der bewußt einen Stein zu dem andern trug und nach wohldurchdachtem
Plane eine Fachbibliothek errichtete, wie sie in solcher Vollkommenheit die Welt
in privaten Händen noch nicht gesehen hatte. Und welche Freude bedeutete es
für ihn, als er seinen Büchern ein Heim geben konnte, das nach seinen Plänen
errichtet war. Die alte preußische Devise „Ich dien", war auch sein Wahlspruch,
den er in praxi immer befolgt hat. Seine Bibliothek stand den ernst Strebenden
offen und hat viel Gutes geschaffen, bis auch sie unter den Nachwirkungen des
Krieges fiel. Nur der, der selbst einem ähnlichen Institut vorsteht, weiß, was eine
solche Aufbautätigkeit bedeutet, wieviel Können und Wissen dahinter steht, wieviel
mühselige Arbeit geleistet werden muß, um solch eine Sammlung zu gewinnen
und sie der Auswertung zu erschließen. In einer ganzen Reihe von Fällen hat er
selbst Hand ans Werk gelegt und in ausgezeichneten, künstlerisch abgerundeten
Aufsätzen Objekte seiner Bibliothek behandelt. Ich denke an seine Studie über
„W. A. Mozart Sohn" oder an das Verzeichnis seiner Tabulaturdrucke für Martin
Breslauer oder an „Das musikalische Krenzlein in Worms 1561." Seine besondere
Liebe besaß Johann Sebastian Bach. Was irgendwie in den Bachkreis hinein-
gehörte, hielt er fest und machte es der Forschung zugänglich. Erinnert sei nur
an die Möllersche Handschrift. Er gewann dadurch ganz besondere Kenntnisse.
Kein Wunder war es, daß man die Neubearbeitung der als vorbildlich angesehenen
Bach-Biographie Philipp Spittas in seine Hände legte. Seine Arbeiten über „Hans
Bach, den Spielmann", seine Beiträge „zur Geschichte der Musik in Celle" er-
schienen. Aber je tiefer er schürfte, umso mehr erkannte er, daß die Fundamente
ganz neu zu legen wären und das Spittasche Werk besser unangetastet bliebe.

Seine Bibliothek hat ihn zum besten Kenner der musikalischen Bücherkunde
gemacht. Mit ein paar Freunden, Springer und Schneider, stellte er sich in den
Dienst der Bibliographie und bereitete den Weg zu einem idealen Eitner durch
die „Miscellanea bibliographica". Auch als die Not der Zeit die Weiterführung des
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