Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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Benedetto Croce. Kleine Schriften zur Ästhetik. In 2 Bänden. Ausgewählt
und übertragen von Julius von Schlosser. Verlag J. C. B. Mohr (Paul Sie-
beck), Tübingen 1929.

Die Sammlung wird eröffnet mit dem „Brevier der Ästhetik", das Theodor
Poppe verdeutscht hat, einst mein Schüler, dann mein „vertrauter Geselle", um mit
Goethe zu reden: ein sehr begabter Gelehrter und Schriftsteller, der im Weltkriege
fiel, noch ehe er einen Bruchteil seiner wissenschaftlichen Pläne hatte ausführen
können. (Im zehnten Bande dieser Zeitschrift steht ein Nachruf auf ihn.) Croce
zeigt in diesem „Brevier", daß die Kunst nichts mit Wirklichkeit, Nützlichkeit, Sitt-
lichkeit, Begrifflichkeit zu tun hat, daß sie vielmehr Schau und Eingebung ist. Er
prüft die „Vorurteile über die Kunst", spricht von der wahrhaft ästhetischen und
historischen Kritik der Kunst, die sich zur Kritik des Lebens erweitern muß und
tut dies mit all der Frische, vielleicht auch Eigenwilligkeit, die ihm eigen ist. Eine
Abhandlung zur Geschichte der Ästhetik hält sich innerhalb allgemeiner Betrach-
tungen: der Beginn der eigentlichen Ästhetik wLd zwischen das 17. und 18. Jahr-
hundert gelegt, und das Eigentümliche des Fortschritts darin gesehen, daß sehr
verschiedene Probleme die Führung übernommen haben. Wichtig für uns sind dann
noch die Aufsätze über das lyrische Grundwesen aller Kunst und den Totalitäts-
charakter des künstlerischen Ausdrucks, weil in ihnen Anschauungen Croces am
deutlichsten hervortreten, die uns ja allmählich vertraut geworden sind. Aber auch
in den zahlreichen anderen Beiträgen erweist sich Croce als ein sehr ursprünglich
philosophierender Ästhetiker und Kunstkenner. Es wird bald Gelegenheit sein, aus-
führlich auf die Ästhetik des napolitanischen Meisters einzugehen; für diesmal ge-
nüge die Bemerkung, daß die Übersetzung sich ausgezeichnet liest und daß wir
uns darüber freuen können, die kleinen Arbeiten Croces beisammen zu haben.

Berlin. Max Dessoir.

Seashore, Commemorative Number, University of Jowa Stu-
dies in Psychology, Nr. XII (1928), edited by Walter R. Miles and
Daniel Starch.

Anläßlich seines 30jährigen Arbeitsjubiläums empfing der amerikanische Psy-
chologe Carl Emil Seashore aus dem Kreise seiner ehemaligen Schüler eine wert-
volle Festgabe mit Beiträgen aus dem Gebiete der Begabungsforschung, der Päda-
gogik und der Fragen der psychischen Reaktion. Ohne damit ein Werturteil ver-
binden zu wollen, greifen wir aus dieser Sammlung einige Beiträge heraus, von
denen wir annehmen, daß sie auch unsere europäische Erforschung ästhetischer
Probleme (brauchbar) anzuregen vermöchten. Es ist bekannt, welchen Einfluß
C. E. Seashore auf die Entwicklung der Methoden gehabt hat, die zu einem früh-
zeitigen Erkennen der musikalischen Begabung führen sollen. Es liegt im Wesen
der amerikanischen Arbeitsmethoden, auch in der Wissenschaft das Ziel praktisch
verwertbarer Ergebnisse in den Vordergrund zu stellen. Daß dabei manche Frage
im rein Materiellen der Resultate verhaftet bleibt, läßt sich nicht leugnen, und so
finden wir dort gegebenenfalls noch heute Problemstellungen im Flor, die bei-
spielsweise in der deutschen Experimentalpsychologie, Experimentalphonetik usw.
bereits überwunden und durch eine organisch gebundene Tiefenforschung abgelöst
worden sind. Immerhin macht sich diese Tendenz auch in den Bestrebungen von
Seashore selbst geltend, wie uns die vorzügliche Darstellung seiner eigenen
wissenschaftlichen Arbeiten in dem vorliegenden Bande zeigt. Wie stark
Seashore seinen Schülern als „erregendes Moment" gelten konnte, geht aus
der Obersicht über die Veröffentlichungen des Psychologischen Instituts der Uni-
Zeitschr. f. Ästhetik u. alls. Kunstwissenschaft. XXV. 11
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