Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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BESPRECHUNGEN.

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sind dann die Ausführungen über die Züchtung der Begabung und über die Kon-
trastehe, sowie auch über „Genie und Rasse". Ein Fragezeichen würde ich allerdings
hinter die Bemerkungen über Gotik und Renaissance setzen. Hier bewegt sich
Kretschmer auf einem ihm ferneren Gebiet. Auch das über die seelische Periodik
Gesagte erscheint mir in seiner Schärfe angreifbar. Aber ganz in seinem Fahr-
wasser ist Kretschmer, wenn er mit prächtiger Anschaulichkeit Bilder genialer
Persönlichkeiten skizziert. Und damit wollen wir schließen. Es wäre zwar noch
viel Wichtiges hervorzuheben, und an vielem wäre Kritik zu üben, aber es würde
keineswegs den Eindruck verschieben, daß es sich hier um ein lebhaft anregendes
Buch handelt, durch das man sich auch dort gefördert weiß, wo man andere Wege
gehen muß.

Halle (Saale). Emil Utitz.

Über Gestaltpsychologie und Gestalttheorie von Prof. Dr. E.
J a e n s c h und Dr. L. G r ü n h u t. Friedrich Manns Pädagogisches Magazin,
Heft 1262. Herrmann Beyer & Sohn, Langensalza 1929.

Von dem natuialistischen Positivismus, der unbedingt der Ergänzung durch
die vom metapsychischen Idealismus und anderen Komplementärtheorien herkom-
menden Forschungen bedurfte, führt der Weg zu jenem psychobiologischen Posi-
tivismus, der eben auf dem Gebiet der Psychologie sich besonders in der Gestalt-
theorie ausspricht. Jaensch glaubt diese auf Grund empirisch gewonnener Tat-
bestände als unzureichend ablehnen zu müssen. Sagt der Idealismus: die Besonder-
heit der psychischen Natur ist nur eine scheinbare, in Wirklichkeit gibt es nur die
Strukturen des Geistes, so sagt die Gestalttheorie umgekehrt, es gibt nur physika-
lische Strukturen, die geistigen sind einfach die physikalischen Strukturen der
Nervenprozesse. Von den Problemen des Farbensehens herkommend, wendet sich
Jaensch gegen diese Begründung einer Gestaltpsychologie. Grünhut führt diese
Kritik der von Ehrenfels und von Köhler propagierten Auffassungen in breite-
rer Form aus und lehnt die psychophysische These der Gestalttheorie ab, die sich
auf 2 Vorthesen stützt: 1. ein psychisches Gebilde ist mehr als die Summe seiner
Teile (keine ... „Und" Verbindung). 2. Die Teile sind ohne Veränderung des Ge-
samtgebildes transponierbar.

Die schönen Ausführungen verdienen im Original nachgelesen zu werden. Das
letzte Wort in den Auseinandersetzungen beider Richtungen ist wohl noch nicht
gesprochen worden.

Berlin. Georg Flatau.

Die eidetische Anlage der Jugendlichen in ihrer Beziehung
zur künstlerischen Gestaltung, von Paul Metz. Heft 2 der
Studien zur psychol. Ästhetik und Kunstpsychologie mit pädagogischen Anwen-
dungen. Herausgegeben von Professor Dr. E. Jaensch, Marburg.

Die Bedeutung der optischen Anschauungsbilder für die künstlerische Ge-
staltung des Kindes zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze abgehandelte
Gebiet. Die Analyse des Zeichenaktes gibt wesentliche Einblicke in die Zeichnung
und die ganze Geisteswelt des Kindes. Die Parallele zu der Geistesart der Primi-
tiven gab dabei we/tvolle Fingerzeige für die Psychologie des Kindes. Beckmanns
Versuche erweisen die Wichtigkeit der optischen Anschauungsbilder (A. B.) für
die Methode der Erziehung des Kindes zu einem künstlerischen Zeichnen; Pflege
derselben ist, „die Herausarbeitung des reinen Sinnenscheins, abgelöst vom Ge-
meinten zu erzielen." Bei der Wirkung des Beckmannschen Anregungsmittels (Ana-
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