Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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BESPRECHUNGEN.

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Es ist zweifellos, daß sich Shakespeare aus dem geschlossenen systematisch-
historischen Horizont von Hegels Ästhetik herausdrängt und eine andere Wirklich-
keit beansprucht, als diese ihm zugestehen will. Die Verf. zeigt dies an einem scharf
herausgehobenen Moment. Aber nur wenn man dieses Moment, das in Shakespeares
Welt, aber nicht schon diese Welt selbst ist, vereinzelt, kann man Shakespeare gegen
Hegel (im Grunde: gegen die Philosophie überhaupt) ausspielen.

Berlin. Helmut Kuhn.

Therese Erb, Die Pointe in der Dichtung von Barock und Auf-
klärung. Bonn 1929, Ludw. Röhrscheid, 82 Seiten.

Das Buch gehört nicht zu den „Deutungen" barocker Kunst, die sich barocker
gebärden und daher schwerer zu begreifen sind als die barocken Originale selber,
sondern, wenn man mit einem der behandelten Dichter vergleichen will, so wäre
Lessing zu nennen, den die Verfasserin auch besonders zu verehren scheint. Die
Arbeit ist durchwaltet von einer schönen Klarheit, Zucht und Sauberkeit. Sehr
glücklich die Anlage: Stets werden zuerst die großen Umrisse geboten, so daß der
Leser von vornherein die rechte Einstellung gewinnt; die Ausführung im einzelnen
wirkt nie als langweilige Wiederholung, sondern nutzt die feineren Reize geschickt
gewählter und gestellter Beispiele, Zitate sind so innig in den Text verarbeitet, daß
sie ihn nicht breiter machen, sondern eher kürzen helfen; knappe Schlußbetrachtungen
ziehen die Fäden in einen Knoten zusammen und verleihen den nötigen Halt. Und so
im Ganzen wie im Einzelnen.

Kapitel I, das mit II und III zusammen den ersten, rein historischen Hauptteil
ausmacht, zeichnet in großem Zuge Wesen und Wandel der Pointe vom Barock zur
Aufklärung; als Belege dienen hauptsächlich theoretische Äußerungen der Dichter
selbst. Kapitel II bringt dieselbe Entwicklung, nur gleichsam in einen einzigen Punkt
konzentriert: Wernickes Übergangsstellung, ein geradezu ideales Beispiel für einen
geistigen Umbruch, öffnet Perspektiven vor- und rückwärts. Kapitel III bringt dann
als Ausklang die Überwindung der Pointensucht durch Lessing und Herder.

Der zweite Hauptteil behandelt die Pointe als formale Erscheinung mehr ins
Kleine gehend, ihre Gestalt und Stellung im Gedicht. Dieser Teil ist zwar nach
typologischen Gesichtspunkten gegliedert, aber, als Wesentliches, wird innerhalb
der Einzelkapitel stets die historische Linie durchgezogen. IV: Die Hyperbelpointe.
Ihre witzigsten Wirkungen kommen zustande, wenn die Übertreibung bis ins Un-
mögliche hinein gesteigert wird. Die Aufklärung jedoch meidet solch barockes
Übermaß, oder der Dichter sucht wenigstens die Verantwortung von sich selber ab-
zuwälzen, indem er die Unmöglichkeit einem einfältigen Menschen in den Mund
legt und so doch wieder „möglich" macht, im psychologischen Sinne: es entsteht das
„Naive". V: Die Vergleichspointe. Wenn ein bloßer Vergleich über das Vergleichs-
dritte (tertium comparationis) hinaus ausgebeutet und so behandelt wird, als ob er
Wirklichkeit biete, wenn auf diese Weise Vergleichsgegenstand und Vergleichsbild
oder auch zwei verschiedene Vergleichsbilder einander ins Gehege geraten, ergibt sich
eine Pointe. VI, VII, VIII: Paradoxie-, Ironie- und burleske Pointe. Was die beiden
ersten Bezeichnungen besagen, ist unmittelbar einleuchtend; unter der letzten ist eine
Pointenart zu verstehen, wo der Leser aus übertrieben pathetischer Darstellungs-
form plötzlich in den trivialsten Inhalt hinunterstürzt. Die Verwandtschaft mit der
Ironie ist sehr eng, wie denn überhaupt dies letzte Kapitel über die Gestalt der Pointe
(es folgen zwei weitere über ihre Stellung im Gedicht und eine Schlußzusammen-
fassung) am wenigsten Neues zu bieten vermag; mancherlei daraus ist sogar schon
im Abschnitt über die Hyperbel vorweggenommen.

Zeitschr. i. Ästhetik n. alle. Kunstwissenschaft. XXV. 19
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