Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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BESPRECHUNGEN.

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gestattet, er hat mit großer Liebe und einem ungewöhnlichen Verständnis für den
individuellen Sinn des historischen Gegenstandes seine Darstellung auf- und aus-
gebaut. Im einzelnen wäre etwa zu bemerken, daß im ersten Band das Hauptgewicht
auf die Darstellung Schleiermachers fällt, daß aber auch Boeckh eine eingehende
und Wilhelm von Humboldt eine sehr geschickte Würdigung erfährt. Da Humboldt
sich zwar durchweg aber nie in zusammenfassender und systematischer Form zu
den Problemen des Verstehens geäußert hat, so war eine Darstellung seiner herme-
neutischen Lehre durchaus nicht einfach. Sie ist dem Verf. in hervorragendem Maße
gelungen. Die Beziehungen der Hermeneutik zu den Problemen der Ästhetik und
der Sprachphilosophie sind von dem Verf. gesehen und in seiner Darstellung auch
durchweg verwertet worden. Auf den geschichtlichen Inhalt des zweiten Bandes sei
hier nicht mehr weiter eingegangen. Es ist dem Referenten einigermaßen zweifelhaft,
ob die hier dargestellte theologische Hermeneutik die allgemeinen Probleme des Ver-
stehens wirklich so gefördert hat, daß sie eine den Umfang des ersten Bandes noch
überschreitende Darstellung rechtfertigen könnte. Sicher trifft das nur zu für die
Theologen der Hegeischen Schule, die mit der „Dialektik" auch in die Theorie des
Verstehens ein neues Moment hineingetragen haben.

Heidelberg. Friedrich Kreis.

Dr. E. de Bruyne: K u n s t p h i 1 o s o p h i e1). N. V. Standaard-boekhandel
(Belgie) N. V. Dekker & van de Vegt (Nederland).

Die Arbeit von Prof. de Bruyne (Gent) enthält kein System der philosophischen
Ästhetik, sondern eine Einleitung in ihre Probleme, und gibt eine brauchbare An-
weisung für diejenigen, die sich methodisch über das Wesen der Kunst, über
Kunstschöpfung, Kunstformen und ästhetischen Genuß unterrichten wollen. Das
Buch zeigt eine gute Kenntnis der älteren und neueren Literatur dieses Gegen-
standes in den wichtigsten europäischen Sprachen. Es ist klar, übersichtlich und
in all seinen Ausführungen wohl überlegt; ein reicher Stoff ist darin verarbeitet
und zahlreiche Beispiele aus der Kunstgeschichte, aus der Geschichte der plasti-
schen Künste und der Musik sind zur Illustration herangezogen. Eine ausführliche
Bibliographie in zwei Abteilungen (eine mit Erwähnung der allgemein-ästhetischen
Werke, eine andere, worin Literatur über spezielle Probleme zusammengestellt ist)
und ein Namen-Register schließen das Buch, das für die philosophische Literatur
in niederländischer Sprache eine Bereicherung bedeutet.

Da das künstlerische Schaffen in der Arbeit von Prof. de Bruyne nicht von
einer festen Grundauffassung aus betrachtet wird, und keine einheitliche Lebens-
und Weltanschauung seine Auffassung vom ästhetischen Leben stempelt, ist seine
Arbeit eher vielseitig als einheitlich. Der Autor versucht den Theorien der ver-
schiedensten Denker auf diesem Gebiet gerecht zu werden, überschaut das weite
Feld der Kunstphilosophie, orientiert sich an den Meinungen der Hauptvertreter
dieser philosophischen Wissenschaft, und läßt sich durch seinen offenen und zu-
gleich kritischen Geist leiten. Obwohl er sich gegen die Metaphysik nicht ableh-
nend verhält, steht er doch eher auf dem empirischen Standpunkt. In der Auffas-
sung des Kunstwesens spielt jedenfalls bei ihm die Metaphysik keine Rolle, so daß
bei lobenswerter Klarheit der Darlegung ein gewisser Mangel an Tiefe nicht zu
leugnen ist. Das zeigt sich z. B. bei der „Erklärung der Künstlernatur", wo wohl
der Unterschied zwischen Genie und Talent gekennzeichnet, aber das Wesen des
Genius nicht aufgedeckt wird. Daß hier das Menschliche eine metaphysiche Tiefe

*) Liegt auch in französischer Ubersetzung vor: Esquisse d'une Philosophie de
I'Art. Traduit du neerlandais par Leon Breckx. Bruxelles 1930.
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