Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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BESPRECHUNGEN.

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geben sind. Man mag über einzelne Deutungen verschiedener Ansicht sein, im gan-
zen wird man seine Freude haben an dem sicheren Blick Pfleiderers für das wahr-
haft Künstlerische der Kinderzeichnung. Die Bilderbeigaben ermöglichen aufs be-
quemste die Kontrolle der Ausführungen des Verfassers und machen sein Buch
leicht verständlich. Zu dem Genuß, den die Lektüre des Buches gewährt, trägt
aber namentlich die beschwingte und geistvolle Rede des Verfassers bei, die immer
klar, bestimmt und sachlich der Ausdruck einer Persönlichkeit ist, die selbst voll
kräftigen Lebens und daher aufgeschlossen für alles Lebendige, auch für das Ir-
rationale am Lebendigen noch die Worte findet, ohne darüber unklar zu werden. —
Ich darf in dieser Zeitschrift davon absehen, die Forderungen darzulegen, die
Pfleiderer aus seiner Erkennntis für die Gestaltung des Zeichenunterrichts mit ein-
leuchtender Folgerichtigkeit gezogen hat. Es bleibt zu hoffen, daß sein Buch den
Zeichenlehrern den Blick schärfen wird für die natürlichen Fähigkeiten und Bedürf-
nisse des zeichnenden Kindes und dazu beitragen wird, den Zeichenunterricht mehr
und mehr zu dem zu machen, zu was aller Unterricht gemacht sein soll, zum Mit-
tel, die ursprünglich in der Kindernatur liegenden Kräfte zur frohen beglückenden
Entfaltung zu bringen.

Stuttgart. Theodor A. Meyer.

Lotte Kallenbach-Greller: Geistige und tonale Grundlagen
der modernen Musik im Spiegel der Gegenwart und Ver-
gangenheit. Leipzig, Breitkopf & Härtel, 1930, III, 251 S.

Als tonale Grundlage der modernen Musik wird in diesem Buche das Zwölfton-
system der bisherigen funktionellen Harmonik gegenübergestellt. Auf einem ausführ-
lichen Referat über Schönbergs Harmonielehre fußend, beschäftigen sich die beiden
letzten Kapitel mit der Frage der Tonalität. Wenn der Begriff „tonal" also auf die
Zwölftonmusik angewendet wird, so wohnt ihm nicht die herkömmlich begrenzte Be-
deutung inne, sondern er wird abstrakt als Tonsystem überhaupt gefaßt.

Der größere Teil der Schrift behandelt die geistigen Voraussetzungen der gegen-
wärtigen Tonkunst. Das Wesen der Musik soll den Ausgangspunkt bilden. Die Ver-
fasserin stützt sich in ihrer Musikanschauung vor allem auf Ernst Kurth. Die Zwi-
schenlösung, die Kurth in seinem Brucknerwerk zwischen der Gefühlslehre der
Romantik und der modernen exakten Phänomenologie versucht, wird hier angenom-
men. Musik ist nicht Darstellung von Affekt, Leidenschaft, Gefühl oder Stimmung.
Ihren Bewegungsvorgängen liegen Gestaltungskräfte und Erlebnisformen zugrunde.
Während aber die Schöpfer der phänomenologischen Energetik, Schenker und Halm,
in scharfer Trennung vom Psychologischen die Kraft als reinmusikalisch deuten,
wird sie jetzt als seelische Gestaltungskraft des Schöpfers, werden die Erlebnis-
formen als Kategorien des gestaltenden Bewußtseins gesehen. Damit wird die
Musikbetrachtung wieder in den Bereich des Subjektiv-Psychologischen, des Erleb-
nishaften, „Spürbaren", des Symbolischen geschoben. Musik ist ein Spiegelbild des
geistig-seelischen Lebens, der jeweiligen Struktur der Seele, ist Ausdruck, Sprache.
Die Trennung von Inhalt und Form des Kunstwerks, welche die musikalische Ge-
setzeswissenschaft zu überbrücken sucht, ist wiederhergestellt. Mit Bewußtsein wird
in diesem Sinne gegen die konsequente phänomenologische Anschauung Stellung ge-
nommen (S. 6/7, 163/66, 177), mit der doch andererseits Gemeinsamkeit — in dem
Hervorkehren der Materialgesetze, in dem Versuch, den Gehalt der Musik intellek-
tuell erfaßbar zu machen, aus der Phantasie ins Bewußtsein zu erheben, die Ton-
kunst als „Verständigungsmittel" hinzustellen — besteht, und so nahe auch die kate-
goriale Interpretation (die fundamentalen Gesetze der Gleichheit, Ähnlichkeit, Ver-
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