Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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BESPRECHUNGEN.

Wenn auch dabei manches nur gestreift und letztmögliche Klarheit nicht immer er-
zielt werden konnte, diese erste Synopse ist zweifellos als Gewinn zu verzeichnen.
Tietze nimmt eine innere Wesensverwandtschaft der beiden Stile an, eine Gemein-
samkeit hinsichtlich ihrer Diesseitigkeit und „Antigotik", aus der sich sowohl die
Aufnahme antiker Formen wie die Rückgriffe der Renaissance auf die Romanik und
die Anbahnung einer Renaissance im 12. Jahrhundert erklären ließen. Das ist viel-
fach problematischer Boden, auf dem zukünftig verschiedenerlei Arbeit zu leisten
ist. Die geistige Struktur dessen, was wir heute Romanik nennen, ist noch wenig
erforscht; in der Interpretation des Ausdrucks romanischer Bauten und Skulpturen
bestehen nicht geringe Gegensätze; welches Gewicht jenen antikisierenden Strö-
mungen im Ganzen des 12. Jahrhunderts etwa zukommt, ist kaum sicher zu er-
messen, solange die begründete Erkenntnis der Wesensverschiedenheit beider Perio-
den fehlt und die geographische Verteilung der von Tietze herangezogenen Bei-
spiele nicht ausreichend bewertet wird. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß generell
ausgesprochene Urteile Tietzes eingeschränkt werden, und sicher, daß vieles schär-
fer gefaßt werden muß.

Essen. Heinz Köhn.

Vorträge der Bibliothek Warburg, herausgeg. von Fritz Saxl.
Band IV: Vorträge 1924—1925. Band V: Vorträge 1925—1926 (371 und 217
Seiten). Leipzig und Berlin, B. G. Teubner, 1927 und 1928.

Zur Bewältigung der Gesamtaufgabe, die der Bibliothek Warburg gesetzt ist:
Ausbreitung und Wesen des Einflusses der Antike auf die nachantiken Kulturen
geistesgeschichtlich zu erforschen, trägt jeder der in Band IV und V gesammelten
Vorträge auf einem Sondergebiet der Wissenschaft das Seine bei. Nur wenige Un-
tersuchungen haben Fragen der Kunstgeschichte zum Hauptgegenstand. Die übri-
gen berühren den Bereich der Kunst in wesentlichen Punkten oder fordern ihren
Platz im Rahmen dieser Zeitschrift aus Gründen der Formgebung und um der vor-
bildlichen Handhabung der Methode willen, die durch Vertiefung ins Speziellste den
Zugang zum Allgemeinen findet und aus dem kleinsten Teil das Bild eines Ganzen
zu gewinnen vermag. In ihrem sachlichen Gehalt bestätigen, stützen und ergänzen
sich die nach Ausgangspunkt, Forschungsweise und Gestaltung so verschiedenen
Vorträge auf bewundernswerte Art. Eine kurze Besprechung muß von vornherein
darauf verzichten, von allen diesen Vorzügen einen adäquaten Eindruck zu vermit-
teln. Sie kann nur den Kreis der behandelten Probleme umschreiben.

Vier religionsgeschichtliche Studien eröffnen den IV. Band. Richard R e i t z e n -
stein untersucht „Alt-griechische Theologie und ihre Quellen"
mit dem Ergebnis, daß orientalischer Einfluß, den man für die griechische Kunst
zugibt, auch in den ältesten Zeugnissen griechischer Religion — bei Hesiod, in
orphischen Liedern, nachwirkend noch bei Plato —. spürbar wird. In Ablehnung
eines Standpunktes, der durch Reitzensteins Feststellung das Dogma von der Origi-
nalität des griechischen Geisteslebens verletzt sieht, prägt R. die Sätze: „Wir aber
empfinden mit ehrfürchtigem Staunen, wie doch die Religion auch des schaffens-
kräftigsten Volkes nur Teil bleibt einer großen Gesamtentwicklung, der nach-
zuspüren unsere Aufgabe ist. Nicht die Originalität werden wir dann glau-
ben bei dem einzelnen Volke suchen und verteidigen zu müssen — sie ist, im vollen
Sinne, am einzelnen wie an einem Volk ein recht zweifelhaftes Lob, ja unverträglich
mit wirklicher Kultur —, wohl aber die Individualität, die Kraft, das Über-
nommene nach dem eigenen Wesen umzugestalten und zu adeln" (S. 19). — Ein
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