Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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Bemerkungen.

Subjektive und objektive Sprechkunst.

Von

Felix T r o j a n.

Der Gegensatz subjektiver und objektiver Sprechkunst beherrscht noch immer
die Diskussion über die Grundfragen der Vortragskunst1). Wohl hat Andreas
Heusler in seiner „Deutschen Versgeschichte"2) gelehrt, daß zwischen dem
Metriker, der die objektive Form, d. h. in der Verslehre den vom Dichter gesetzten
Zeitfall, zu ergründen habe und dem Vortrage mit seinen hundert kleinen Ver-
schiedenheiten bei jedem einzelnen Sprecher und Sänger eine Schranke zu ziehen
sei. Da aber die S i e v e r s sehe Schallanalyse schon vorher gezeigt hatte, daß in
Dichtung und Musik weder volles Verständnis noch eine Reproduktion möglich sei
ohne weitgehende Anpassung an den Körperzustand ihres Schöpfers3) und neben
Sievers längst auch schon Franz Sa ran für die „objektiv richtige" Wiedergabe
von Dichtungen eingetreten war4), mußte diese Forderung — einmal auf den Boden
der Vortragskunst verpflanzt — mit dem Eigenwillen des Sprechkünstlers notwendig
in Widerstreit geraten. Unter den Theoretikern der Vortragskunde fordert vor allem
Richard Witt sack5) eine möglichst tiefgehende, intuitive Versenkung in das ob-
jektiv gegebene Wortkunstwerk. Da der Sprecher bei der Umsetzung der geschrie-
benen in gelautete Ausdruckskunst stets das Instrument seines eigenen Körpers be-
nützen müsse, bleibe wohl ein unaufgelöster Rest zurück. So wird sich für den
Sprechgestalter nur eine Richtigkeitsbreite ergeben, innerhalb deren er sich bewegen
kann. Gleichwohl müsse das Bemühen des Sprechers in erster Linie darauf gerichtet
sein, den Kunststil einer Dichtung, ihre besondere Stileigenart zu treffen. Den
Arbeiten von O. R u t z , S i e v e r s und G. A. R o e m e r schreibt Wittsack mehr
einen großartigen Feststellungs-, aber keinen ebenso großen Gestaltungswert zu. —
Demgegenüber bejaht Erich Drach«) bei der künstlerischen Neuschöpfung den

1) Über Vortragskunst im allgemeinen s. Max Dessoir, Ästhetik und allgemeine
Kunstwissenschaft, 2. Aufl., Stuttgart, 1923.

2) Berlin u. Leipzig, 1925 (= Grundriß der germanischen Philologie begr. v.
H. Paul, Abt. VIII) 1. Bd. S. 42 ff.

3) Eduard Sievers, Ziele und Wege der Schallanalyse. Zwei Vorträge, Heidel-
berg 1924 (= Germ. Bibl. II. Abt. 14. Bd.) S. 109 (45) f.

") Franz Saran, Deutsche Verslehre, München 1907 (== Handbuch des deut-
schen Unterrichts III, 3) S. 29 ff. u. a.

r') Dichtung als gelautete Ausdruckskunst, Monatsschrift für höhere Schulen,
Bd. 29, Heft 6/7, 1930, S. 401.

°) Sprecherische Gestaltungslehre. — Mit besonderer Berücksichtigung der
durch Schallplatten als Lehrmittel gebotenen neuen Möglichkeiten. In: Sprech-
erziehung, Rede, Vortragskunst, hgg. von Lebede, Berlin 1930, 2. Kap.
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