Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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BESPRECHUNGEN.

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eine Gedankenarbeit darstellt, die erst am gemeinsamen Zielpunkt mit jener ersten
Entwicklungslinie ganz vereinigt wird.

2. Die höchste theoretische Würdigung, die der Kunst als Darstellung der Idee
zuteil geworden ist, erweist ihre Doppeldeutigkeit. Das Denken stellt sich als pri-
märe Erfassung der Idee an die von der Kunst beanspruchte Stelle und rückt die
Kunst an einen ihm untergeordneten Platz.

3. In diesem Zurückstellen der Kunst ergibt sich dennoch ein positiver Stand-
punkt für ihre Betrachtung — der Standpunkt der Ästhetik Hegels."

Im Einzelnen nimmt die Untersuchung folgenden Weg. Um die Möglichkeit,
der Lehre vom Schönen und der Kunst im System der Philosophie einen Platz zu
verschaffen, hat sich vor allem Leibniz verdient gemacht, indem er durch Aner-
kennung der sinnlichen Anschauung als einer Vorstufe begrifflicher Erkenntnis eine
Würdigung der sinnlichen Komponente unserer Erfahrung nach den ihr selbst inne-
wohnenden Maßstäben und Kriterien vorbereitete. Baumgartens „Ästhetik" knüpft
an diese Auffassung der „cognitio confusa" an, ersetzt aber das negative Prädikat
durch den positiven Terminus „sensitiva". Schönheit wird nun definiert als Voll-
kommenheit der sinnlichen Erkenntnis. Die bekannte Mehrdeutigkeit dieser Formu-
lierung hat ihre rational-formale Auslegung zur Folge, in welcher keine Beziehung
der sinnlichen Form zum Gehalt gestiftet wird.

In der Kantischen Erkenntnislehre stehen sich als „Form" und „Materie" der
Erfahrung die apriorischen Funktionen des reinen Verstandes und der reinen An-
schauung auf der einen Seite, die gestaltlosen Einpfindungsdaten auf der anderen
Seite gegenüber.

Damit ist die Einheit des ästhetischen Phänomens vorweg in zwei heterogene
Bestandteile zerfallen. Aber auch das Seins- und Erkenntnisproblem verlangt nach
einem verbindenden Mittelgliede, und dieses bietet sich in der doppelten Gestalt der
Anschauung organischer und ästhetischer Gebilde an. Dem Problem der Anschau-
ung wird Kant trotzdem nicht völlig gerecht, weil er es der logischen Funktion der
reflektierenden Urteilskraft zuweist. Die „Angemessenheit" jener anschaulichen
Gegebenheiten wird als „Zweckmäßigkeit" im Sinne der Erkenntnisvermögen, und
zwar die ästhetische als subjektive, begrifflose Zweckmäßigkeit, als lusterregende
Harmonie von Einbildungskraft und Verstand gedeutet. Die Folge davon ist der
Formalismus der „freien Schönheit" und die Kunstfremdheit der Kantischen Ästhetik.

Die Philosophie der Folgezeit, die vom kritischen zum absoluten Idealismus
fortschreitet, gewinnt langsam den echten Begriff der Anschauung zurück. Herder
hatte mit seinem „Gestalf'-Begriff selbständig diesen Schritt getan; wie sich im
Anschluß an ihn bei Goethe und K. Ph. Moritz die Lehre von der sinnlichen An-
schauung und ästhetischen Gestalt weiterbildet, wird hier, da schon Herder außer-
halb der abgesteckten Linie des philosophischen Idealismus steht, leider nicht aus-
geführt.

Die Darstellung geht zu Fichte und Schelling über, und der Verf. bemüht sich,
zu zeigen, daß gerade der von der Erkenntnis- und Seinsproblematik her bewegte
Obergang zum „absoluten Standpunkt" zuerst in der Lehre vom Kunstwerk erreicht
wird und der Ästhetik des deutschen Idealismus zur Vollendung verholfen habe.

Den letzten Schritt auf diesem Wege tut Schelling, indem er den Fichteschen
Begriff der intellektuellen Anschauung in der Kunstanschauung mit der sinnlichen
ineins-setzt. „Die ästhetische Anschauung ist die objektiv gewordene intellektuelle"
(Schelling). So wird die Kunst zum „Organon" der Identitäts-Philosophie, sie erhält
den höchsten metaphysischen Rang. In der späteren Ideenlehre Sendlings (Bruno)
geht die ursprüngliche Kraft der neuen Lehre freilich wieder verloren, und erst

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