Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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BEMERKUNGEN.

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Geist und Seele wirkt sich aus, wie der Mythos von Amor und Psyche; dies
gibt ihnen beiden ja ihren Lebensinhalt und ihr Bewährungsziel.

Halten wir doch fest: der Geist kann ja nicht anders zum Anteil am Leben
gelangen, als indem er sich eine Menschenseele gewinnt. Er bietet ihr Grade des
Aufschwungs und der Vervollkommnung, — ob vermeintliche nur oder vollgültige
kommt hier nicht in Betracht; denn wir Menschenkinder alle leben auch von unsern
Illusionen. Und vanitas vanitatum vanitas ist ein kräftiges Schutzmittel gegen die
Umwelt, das uns Mutter Natur beschert.

Anfangs geschieht dies Erziehungswerk vollends durch unbewußte Täuschung.
Der Geist als Eindringling muß sie vollziehen, um den Preis der Unschuld und
des Kinderglücks. Sind unsre Ammen und Wärterinnen, unsre Eltern und Sprach-
meister allesamt „Widersacher der Seele"? Ja gewiß, ohne Zweifel! gleichwie die
Bienen, die den Blüten ihren Nektar rauben, oder die Mütter, die ihren Säugling
mit der eigenen Milch zu stillen pflegen. Aber Mutter Natur schreitet ja, selbst im
stillen Wachstum, rücksichtslos zur Reife weiter, und setzt ihr Kind damit allerlei
schlimmeren Gefahren aus. „Favete linguis" metaphysici!

„Windet zum Kranze die goldenen Ähren", aber „Flechtet auch blaue Cyanen
hinein!" Die ungeahnten Möglichkeiten, die sich dann im Lebensbunde heraus-
stellen, wer will sie als heimtückische Attentate eines Verbrechers brandmarken?
Wer den Geist den „Widersacher" der Seele nennt, spricht als Poet, der auch
aus überirdischen Mächten noch Menschen macht, mit menschlichen Gelüsten und
allzumenschlichen Motiven.

Steigt nicht selbst der durch und durch harmonische Sophokles in der Ein-
gangsstrophe seines Chorliedes mit zugespitzten Gegensätzen zum Preis des Gottes
empor? ,. , (

'Eowg, ävixave fiaxav.
Eros, unbesiegbar im Kampf!
Der du bei Tag unsre Herden befällst,
Nachts auf des Mägdleins Rosenwangen
Heimlichen Schlummer hältst . . .

„Der Geist als Bewerber der Seele, als Liebhaber und als Inhaber" ist auch ein
Thema, das sich der Mühe lohnt. Aber bei ihm fragen wir nicht immer, ob es auch
ohne Hinterlist und Tücken abgehen mag. Das Bewußtsein des freien Spiels zwischen
dem Lebensstrom des Rhythmus und dem darüber schwebenden Lenker aller „Wie-
derholungen des Ähnlichen" gewährt erst den Vollgenuß, der dem traumversunkenen
Dämmerzustand des dionysischen Taumels nie zuteil wird. Erst ein Lichtstrahl Apolls
beseligt die göttliche Tänzerin: erst der schöpferische Erguß gibt den Augenblick
der Daseinswonne.

Und der Rhythmus? fragen wir nach alledem. Ist er nur eine Lebenswoge, die
durch uns hindurchgeht und in uns verzettelt wird, oder die im Bewußtwerden des
eigenen Gestaltens als schöpferischer Drang genossen wird, also doch dieser Licht-
blick des Geistes im regelnden Takte, dem wir solches höchste Glück der Erden-
kinder danken?
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