Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

Page: 62
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1939/0076
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Gotthard Jedlicka: Pieter Breughel

(Der Maler in seiner Zeit)

Von

G. F. Hartlaub

Bereits eine kurze Beschäftigung mit diesem Werke läßt den Leser
empfinden, daß er es mit etwas Außerordentlichem zu tun hat, läßt ihn
ahnen, daß dieses Buch aufrücken wird in die Reihe der klassischen Mono-
graphien, wie sie in unserem wissenschaftlichen Schrifttum nicht häufig
sind. Es besitzt diejenigen Qualitäten der Gesinnung, der menschlichen
Haltung, der Sprache, welche eine Arbeit nicht veralten lassen. Ein gan-
zer Mensch hat den ganzen Menschen Breughel nachgeschaffen.

Eine Anzeige, wie die an dieser Stelle versuchte, wird sich darum am
besten mit einem Referat begnügen, wird die vollrunde, restlos gelungene
Ganzheit dieses Werkes hinnehmen, ohne immer nur zu fragen, was man
„auch" hätte miteinbeziehen können oder was die Forschung vielleicht
eines Tages im einzelnen „anders sehen" wird.

In den Büchern von Hermann Grimm, Carl Justi, Burckhardt —
Standwerken der Kunstgeschichte — mag ja inzwischen auch manches
veraltet sein. Es ist nicht schwer, dieses Geschick auch dem neuen Buche
zu wahrsagen. Schon heute sogar ist Kritik denkbar. Sie könnte an
einigen nicht unwichtigen Stellen einsetzen. So würde man gern noch
Ausführlicheres über die zu erschließende religiöse Stellung, metaphy-
sische Position des großen Weltbetrachters und Menschenkenners ver-
nehmen — gerade weil das vom Verfasser Angedeutete so bedeutsam ist.
Vielleicht wird auch die Frage nach der äußeren Erscheinung des Malers
— gewiß eine wahrhaft wesentliche! — anders beantwortet werden müssen
als von Jedlicka, der Breughel in der berühmten Zeichnung „Maler und
Kritiker" wiedererkennt (kaum möglich wegen des Alters des dargestell-
ten Malers, es sei denn, Breughel habe eine Art von Selbstkarikierung vor-
genommen). Wer besonders an kennerischen Zuschreibungsfragen inter-
essiert ist, wird beim Durcharbeiten des großen kritischen Kataloges,
der dem Buche angehängt ist, widersprechen, wenn hier Bilder wie
der Hafen von Neapel, der Misanthrop, ja sogar der Sturz des Ikarus
nicht als eigenhändig aufgenommen worden sind. Man hätte auch gern
die nur in Stichen erhaltenen Kompositionen systematisch berücksichtigt
loading ...